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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Was mich an Österreichs Regierung stört



plofre
12.01.2004, 13:31
Hallo, Leute!

JoE101 hat mich im Hausmeister-Thread gefragt, was ich gegen meine Regierung (gemeint ist die österreichische Bundesregierung) habe. Da ich von SturmKrähe grünes Licht für dieses Thema bekommen habe, möchte ich diese Frage hiermit beantworten:

Ich möchte vorausschicken, dass ich, was meine politische Anschauung betrifft, ein in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat bin. Ich gebe das unumwunden zu, denn es ist ja keine Schande. Allein deswegen ist mir Österreichs ÖVP/FPÖ-Regierung ein Dorn im Auge. Das allein reicht aber nicht. In einer Demokratie wechseln die Mehrheiten und keine Partei hat für alle Zeiten eine Anwartschaft auf die Macht.

Was mich zur Weißglut treibt, ist, wie diese Regierung das Land, das sie für die Bürger verwalten soll, mit geradezu missionarischem Eifer in den Untergang treibt. Es beginnt schon mit der Art und Weise, wie diese Regierung an die Macht gekommen ist. Ich hole mal ein wenig aus:

Nach dem Ende der Ära Kreisky (ist sicherlich auch in Deutschland ein Begriff) wurde Österreich von wechselnden Koalitionen unter der Führung der SPÖ regiert. Anfänglich von einer SPÖ/FPÖ-Regierung, später, als in der FPÖ rechte Kreise unter Jörg Haider die Führung übernahmen, von SPÖ/ÖVP-Regierungen. Dies war eine Zeit der Stagnation. Die Führung der Sozialdemokratie liess - zum größten Bedauern der Basis und noch mehr der Wähler - das Bewusstsein vermissen, das in Sonntagsreden noch immer beschworen wurde, nämlich für die Kleinen, Schwachen und Benachteiligten einzutreten, die Rechte der Arbeitnehmer zu stärken und für eine pluralistische Gesellschaft einzutreten. Die Bundeskanzler stammten durchwegs aus den Chefetagen der Wirtschaft und führten das Land eher wie eine Firma. Das Stichwort vom "Nadelstreif-Sozialismus" kam auf. Inzwischen tat Jörg Haider das einzige, was er kann: Er riss das Maul auf. In wuchtigen, rhetorisch durchaus gelungenen Reden präsentierte er seine "Bewegung" als den einzigen Garanten für die Unterstützung des "Kleinen Mannes bzw. der Kleinen Frau". Effekt: Die Wähler, frustriert von der Stagnation der offiziellen Politik, strömten in Scharen ins Lager der FPÖ, etwas, das im Ausland kräftigst als Rechtsrutsch Österreichs missverstanden wurde.

1999 gab es Wahlen zum Nationalrat. Wolfgang Schüssel, der Vorsitzende der ÖVP, tönte vor den Wahlen protzig, wenn seine Partei nach der Wahl an 3.Stelle läge, ginge sie in Opposition. Die Wahl erbrachte nach wie vor den 1.Platz für die SPÖ, den 2. für die FPÖ und - siehe da - den 3.Platz für die ÖVP. Die Grünen lagen dahinter. Viktor Klima, der Vorsitzende der SPÖ, wurde mit der Regierungsbildung beauftragt. Da Schüssel sehr rasch von seinem Vorhaben, in die Opposition zu gehen, abgekommen war, nahm Klima mit ihm Koalitionsverhandlungen auf. Diese zogen sich über Wochen, um nicht zu sagen, Monate, dahin, da die ÖVP mit immer neuen Forderungen aufwartete, die die SPÖ gefälligst zu erfüllen habe. Irgendwann war die Schmerzgrenze der SPÖ erreicht und Klima brach die Verhandlungen ab. Dann ging es zu wie im Kabarett. Wie ein Zauberer das Kaninchen zog Schüssel aus dem Hut eine fix und fertig ausverhandelte Koalitionsvereinbarung mit der FPÖ. Er hatte also die ganze Zeit nur Scheinverhandlungen mit der SPÖ geführt und die Zeit genutzt, sich mit Haider einig zu werden. Diesen Regierungsentwurf legte er dem Bundespräsidenten vor. Thomas Klestil, der Haider nicht in der Regierung wollte, war stinksauer. Er lehnte 2 FPÖ-Regierungsmitglieder ab, die sich besonders rechtsextrem hervor getan hatten und verlangte die Aufnahme einer Präambel in die Regierungserklärung, dass die Regierung den demokratischen Grundsätzen verpflichtet sei.
Für Nicht-Österreicher sei erklärt, dass der - direkt vom Volk gewählte - österreichische Bundespräsident theoretisch bedeutende Machtbefugnisse hat und sowohl in die Regierungsbildung eingreifen als auch eine bestehende Regierung entlassen kann. Besonders peinlich war, dass die neuerstellte Bundesregierung zu ihrer Angelobung in die Hofburg wie Verschwörer oder Einbrecher durch einen unterirdischen Tunnel gehen musste, da zu ebener Erde eine gewaltige Demonstration darauf wartete, sie mit Tomaten und faulen Eiern zu bewerfen.

Bald danach zog sich Haider nach Kärnten zurück und überliess die Führung der Partei Susanne Riess-Passer (Spitzname: Königskobra, Schimpfname: Piss rascher).
Schüssel hingegen nahm mit Eifer das in Angriff, was er die Erneuerung Österreichs nannte. Mit dem Slogan "speed kills" auf den Fahnen stellte er Zug um Zug das Land auf den Kopf. Leider taten ihm die anderen Mitglieder der EU den Gefallen, Österreich zu ächten und Sanktionen gegen das Land zu verhängen. Anstatt ihn zum Teufel zu jagen, stellten sich die Österreicher in patriotischem Schulterschluss hinter ihn. Es bedurfte einer kuriosen "Kommision", um diesen Unsinn wieder abzublasen. Die Schüsselsche Regierungs-Maschinerie fabrizierte maschinengewehr-artig ein Gesetz nach dem anderen, von denen die Hälfte wegen Verfassungs-widrigkeit wieder aufgehoben wurden. Er erhöhte die Steuern (aber nicht die für die Unternehmen), zerschlug Polizeistrukturen, die äußerst erfolgreich in der Verbrechensbekämpfung waren, und setzte sie anders neu zusammen, nicht ohne seine und Haiders Gewährsleute an die Schaltstellen zu setzen. Er verkaufte, um das Budget zu "sanieren" zu so gut wie jedem Preis gut wirtschaftende, allerdings staatseigene Betriebe, die dem Staat langfristig Dividenden hätten zahlen könne. Er stellte den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf den Kopf, liess Gesetze erlassen, die so konstruiert waren, dass sie nur auf eine einzige Person passten, um unliebsame (SPÖ-)Funktionäre aus öffentlichen Funktionen zu entfernen. Er liess die Kunst und die Universitäten, sowie die sonstigen Schulen kurz halten. Inzwischen können einige Unis nicht einmal mehr neue Glühbirnen für ihre Räume bezahlen, von neuen Forschungsmitteln ganz zu schweigen (es sei denn, sie prostituieren sich an die Industrie) und Förderstunden in öffentlichen Schulen finden nicht mehr statt.

Die Zerschlagung der Bundesbahn ist ein weiterer Schritt. Anstatt den Umstieg des Warenverkehrs von der Straße auf die Schiene zu fördern, wird das Unternehmen in Mini-Gesellschaften aufgespalten und die Mitarbeiter werden zu Leiharbeitern. Gott sei Dank wurden die Gewerkschaften langsam munter und es gelang ihnen, mit mehrtägigen Streiks (ein Novum im streikungewohnten Österreich) viele der Verschlechterungen abzuwenden. Auch die typisch österreichische Institution der Sozialpartnerschaft, die Schüssel praktisch auflösen wollte, zeigt neuerdings kräftige Lebenszeichen und macht der Regierung manchen Strich durch die Rechnung.

In anderen Belangen war unsere Regierung weniger "tüchtig". Bei dem Versuch, den sensiblen Alpenraum vor der Überflutung durch Transit-LKWs zu schützen, versagte sie völlig. Es gelang ihr nicht, der EU klar zu machen, dass das Recht auf freien Wahrenverkehr nicht überall und nicht auf jede Weise wahrnehmbar ist. Dafür ist es ihr "gelungen", die Arbeitnehmer in Hinkunft länger arbeiten und danach mit weniger Geld in Pension (Rente heißt das bei euch) gehen zu lassen.
Und ein Missstand ist halt auch die Änderung der Mietrechtsgesetze zugungsten der Vermieter, was auch zur Abschaffung des Berufsstands der Hausbesorger in der bisherigen Form geführt hat.

Mir fällt gar nicht alles ein, was die Regierung so "verbrochen" hat. Aber es ging ja noch weiter:

Die 1.Regierung Schüssel hielt bekanntlich nicht eine Legislaturperiode durch. Eine Gruppe um Jörg Haider "sprengte" bei einem Parteitag im steirischen Knittelfeld "die Regierung in die Luft". Die FPÖ-Spitze trat zurück und Schüssel musste dem Bundespräsidenten den Rücktritt der Regierung melden. Es kam zu Neuwahlen. Die SPÖ legte an Stimmen zu, die FPÖ verschwand beinahe in der Versenkung. So weit, so gut. Die ÖVP wurde allerdings stärkste Partei. Schüssel, dem grossen Schweiger, der zu nichts jemals eine Äusserung abgab, war es offenbar gelungen, den "Schwarzen Peter" für seine Misspolitik und damit den Unmut der Wähler der FPÖ zuzuschieben und selbst fleckenlos auszusteigen. Also erhielt er den Auftrag zur Regierungsbildung. Da er keine absolute Mehrheit hatte, musste er koalieren, aber mit wem? Mit der FPÖ, die soeben die Regierung gesprengt hatte und das jederzeit wieder tun konnte? Mit den (eher linksgerichteten) Grünen??? Mit der SPÖ, die ihn lange Zeit klein gehalten (und damit gedemütigt) hatte, mit der gemeinsam er aber eine Mehrheit gehabt hätte, die sogar gereicht hätte, die Verfassung zu ändern? Es gab nicht enden wollende Sondierungsgespräche und Verhandlungen mit allen 3 Parteien. Am Schluss kam das heraus, wogegen die Wähler votiert hatten, nämlich eine erneute ÖVP/FPÖ-Koalition (mit einer FPÖ, die inzwischen erneut ihre Parteispitze gewechselt hat).
Die schlechteste aller Möglichkeiten und die knappste aller Koalitionen wurde Realität.

Und da soll ich keinen Zorn auf die Regierung haben?? :tongue:

Was sagt ihr dazu?

plofre

JoE101
12.01.2004, 14:20
Hallo,

ich habe aufgehört mich mit der öster. Politik zu beschäftigen, als ein Haider aktiver wurde, du hast Recht, ich habe das damals auch als einen Rechtsruck gewertet.

Deswegen zuerst mal grossen Dank für die Zusammenfassug der Ereignisse.

Ich denke mal, zu Zeiten wo Politikverdrossenheit "regiert" und man selber kaum noch Lust hat sich mit der Politik in seinem Land zu beschäftigen, in Zeiten wo man einen grossen Bu(s)hmann hat, den man aus tiefstem Herzen seinen Frust zuwerfen kann, ohne gross nachzudenken................. wird es schwer, sich Gedanken zu machen, was eure Regierung so verzapft. Seltsam, seltsam.

Weitere Überlegungen, es gab Zeiten, da wusste ich wer in Belgien, Niederlanden, Frankreich, Spanien .... regiert. Heute bin ich da nicht auf dem Laufenden und es interessiert mich auch nicht.

Sehr seltsam, nun hat es mich also auch erwischt. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als ich im Freundeskreis oft und gern und lange über Politik diskutiert habe.

Macht das heute noch jemand?

Gibt es noch Kneipenpolitikgerede?

Hier in D gibts ne Ostalgiewelle, vieles Gute aus der DDR ist wieder in.

Alles Zeichen von Stagnation oder Politikverdrossenheit?

Ich denke in Zeiten wo von Großkonzernen bestimmt wird, was wir essen, was wir denken, was wir hören, was wir sehen ist das vielleicht nicht verwunderlich.

Trotzdem schade, einige wenige bestimmen, was wir sind, was wir denken. Aktiv mitgestalten, wer tut das schon?

plofre
13.01.2004, 14:58
Ja, Joe,

das ist so eine Sache mit der Politikverdrossenheit. Ich glaube, die Menschen sind nicht so sehr verdrossen von der Politik, sondern von den heutigen Politikern. Welchen Politikern sollen sie glauben? Wo gibt es in Österreich Leute wie Figl, wie Kreisky, wie Jonas? Wo gibt es in Deutschland Leute wie Brandt oder Adenauer? Man kann über alle die denken, was man will, aber sie prägten ihre Zeit. Sie hatten Charisma. Charisma hat z.B auch Jörg Haider, deswegen liefen ihm auch die Menschen hinterher, aber er hat keinen Charakter (nämlich wirklich gar keinen, nicht einmal einen schlechten). Wo gibt es heutzutage Politiker mit Charakter und Charisma?

Politische Diskussionen gibt es schon noch, auch in Kneipen oder Bierzelten. Die Leute engagieren sich auch für ihre Anliegen, wenn es in dem engen Rahmen bleibt, den sie überschauen können. Bürgerinitiativen sind ein Beispiel dafür. Auch das ist Politik. Grade in der Gegend, wo ich wohne, rumort es momentan heftig, denn 100 m von meinem Haus entfernt soll eine Autobahn gebaut werden. In Österreich ist die Frage, ob das Land, wie es in der Verfassung steht, weiterhin neutral bleiben soll (ist für euch Bewohner eines NATO-Landes sowieso ein Unding) oder ob und in welcher Form eine Teilnahme an einer EU-Verteidigungsgemeinschaft möglich ist, ein heftiger Diskussionspunkt.

Das alles sind Dinge, die für die Menschen erfassbar sind. Die Komplexizität der heutigen modernen Gesellschaft macht es ihnen da schon schwerer. Es ist kein Wunder, dass es in Deutschland eine "ostalgische" Sehnsucht nach DDR-Verhältnissen gibt. Ohne Frage waren all die kommunistischen Regime des Ostens menschenverachtende Terrorregime, aber sie hatten auch positive Seiten. Das Leben der Menschen dort war überschaubar und planbar (wenn sie nicht gerade der Stasi in die Quere kamen). Die Menschen hatten zwar nichts, Freiheit schon gar nicht, aber was sie hatten, hatten sie sicher. Niemand fiel auf die Nase, jeder wurde aufgefangen, solange er regimetreu blieb.

Kaum hatten diese Völker ihre Regime abgeschüttelt, hatte sie der inzwischen aufgeblühte Brachial-Kapitalismus am Wickel. Sicherheit gibt es null, jeder ist sich selbst der Nächste. Das ist keinesfalls das, was sie sich unter dem "goldenen Westen" vorgestellt haben.

Was wir erreichen müssen, in allen Ländern, ist eine Gesellschaft, die ein Maximum an Freiheit mit einem Maximum an Sicherheit kombiniert. Sicherheit für die Menschen, nicht für die Konzerne. Daran müssen wir arbeiten, und wenn wir das weltweit tun, können sich die Multis - bei all ihrer Macht - "gurkerln", wie man in Österreich zu sagen pflegt.

Dafür lohnt es sich, wieder politisch zu denken.

Gruß
plofre

JoE101
13.01.2004, 16:30
Ich habe echt mal drüber nachgedacht. Ich würde mich z.z. definiv als a-politisch bezeichnen. Das ist traurig, auf den ersten Blick. Früher habe ich auch immer gesagt, wichtig ist die lokale Politik. Doch selbst die Lust darauf ist mir entgangen.
Wir werden mehr und mehr bestimmt und mehr eingeengt.

Ich denke wirklich 20years after ... the big brother got us!

Es bringt alles nichts, kleine Verbesserungen werden uns zugewiesen. Aber alles in allem ist doch alles frustrierend. Wer achtet noch auf BSE? AIDS? Schweinepest? Sicherheit in AKWS? Sicherheit bei der Bahn?
Die Medien bestimmen, was wir denken sollen, bestimmen, worüber wir uns Gedanken machen sollen.

Ich stehe vielleicht mit dieser Meinung alleine da, aber versucht mal ehrlich zu sein, wo können wir noch mitbestimmen? Früher habe ich immer gesagt, dann geh doch in eine Partei und gestalte mit? Aber in welche soll man gehen? Alles Volksparrteien, die nur an eines interessiert sind, an der Macht zu bleiben, an die Macht zu kommen. Ach ne eigene Partei gründen? Für was, es wird dafür gesorgt, dass neue Gedanken nicht aufkommen, sie werden aufgekauft.

Das wir keine charismatischen Poltitiker haben, kann gut und gerne sein. "Ei, der ischt mir sympatisch den wähl isch" Das ist das was davon übrig gegblieben ist. Und wenn nun Bohlen endlich kandidiere, dann könnten die Erstwähler zeigen, wozu sie fähig sind, oder wenn er die Wahlshow mächte, dann ginge es bergauf. Dann haben wir endlich "Deutschland sucht den Superpolitiker" Gut das schon feststeht wer gewinnt.

Kein Wunder. Machen wir das beste draus. Packen unsere Sorgen in unsere kleine heile Welt. Lassen die da oben machen, was sie wollen.... und das beste ist, wir fühlen uns gut dabei! Was will man mehr.

Und am Rande, da ist nun euer Idol badet in Kakerlacken und ihr findet es toll, man bekommt das, was man verdient, Aufmerksamkeit. Um jeden Preis.