IDontKnow
21.04.2003, 18:50
Also Leuz...
Ich dachte es ja erst auch. Nur: Dann hab ich mal ein bisschen im Internet gesucht und das gefunden: Es ist ein Bericht aus einer Zeitschrift.
Free-TV-Premiere eines gleichwohl sensationellen wie ungewöhnlichen Streifens: Eine Hand voll junger Filmemacher lancierte eine Legende im Internet – und drehte dann das Movie dazu. USA 1999
Blair Witch Project
Die Legende …
Das Unheil nahm seinen Anfang in einer Ortschaft namens Blair, Maryland, im Februar des Jahres 1785, als mehrere Kinder behaupteten, von einer gewissen Elly Kedward in deren Haus gelockt worden zu sein, wo ihnen die Frau Blut absaugen wollte. Kedward wurde der Hexerei für schuldig befunden und während des strengen Winters aus dem Ort verbannt. Man nimmt an, dass sie in den umliegenden Wäldern umgekommen ist. Im November des darauf folgenden Jahres verschwinden alle, die Kedward angeklagt hatten, und die Hälfte der Kinder unter mysteriösen Umständen aus dem Ort. Die rest*lichen Bewohner glauben, einen Fluch auf sich geladen zu haben, und verlassen Blair. Anfang des 19. Jahrhunderts wird das Buch „The Blair Witch Cult“ veröffentlicht und 1824 die Stadt Burkittsville auf dem Gebiet des ehemaligen Blair gegründet.
… von der Blair-Hexe.
Der unheimlichen Mordserie tut das keinen Abbruch: 1825 wird eine Zehnjährige vor elf Augenzeugen von einer bleichen Frauenhand in den Tappy Creek gezogen, die Leiche bleibt unauffindbar. Im März 1886 machen sich mehrere Männer auf die Suche nach dem abgängigen achtjährigen Robin – der taucht Tage später wieder auf, aber keiner der Retter. Deren Leichen werden am Coffin Rock gefunden, einem Ort unweit der Stadt: an Händen und Füßen zusammengebunden und völlig ausgeweidet. In den vier*ziger Jahren schließlich wurde der Einsiedler Rustin Parr hingerichtet, der sieben Kinder auf grässliche Weise umgebracht hatte. Er gab an, die Morde für den „Geist einer alten Frau“ begangen zu haben.
Die Fiktion.
Im Oktober 1994 brechen die drei Collegestudenten Heather Donahue, Joshua Leonard und Michael Williams nach Burkittsville auf, um dort für ihre Abschlussarbeit einen Doku*mentarfilm über die Hexe von Blair zu drehen. Dort angekommen, befragen die drei mehrere Ortsansässige zu den unerklärbaren Vorkommnissen in den Black Hill Forests rund um die Kleinstadt. Am Morgen des 21. Oktober machen sich die Studenten, mit zwei Handkameras und Campingausrüstung ausgestattet, auf den Weg zum Coffin Rock – und verschwinden spurlos.
Verschollen.
Die Suche nach den Jugendlichen wird nach zwei Wochen ergebnislos abgebrochen. Heathers Mutter Angie Donahue initiiert eine Privatsuche, die ein ganzes Jahr später zwar nicht die Vermissten, wohl aber ihr Filmmaterial zutage bringt: elf Rollen Schwarz*weißfilm und zehn Hi-8-Videotapes. Das Material wird gesichtet, vom Sheriff von Bur*kitts*ville jedoch für nicht beweiskräftig erklärt und in der Folge unter Verschluss gehal*ten. Erst im Oktober 1997 wird – nach einigen Prozessen, der Einschaltung der Öffent*lich*keit und großem juristischem Tauziehen – alles Filmmaterial den Familien der drei Verschollenen überlassen. Angie Donahue beauftragt daraufhin die Firma Haxan Films mit der Auswertung desselben. Niveau Spaß Spannung Action Erotik
Die Doku.
Nachdem die drei den Coffin Rock hinter sich gelassen haben, marschieren sie weiter zu einem Indianerfriedhof, kampieren dort und wollen am nächsten Tag auf einer ver*meintlichen Abkürzung zurück zum Auto. Nachdem sie die Straße jedoch nicht finden und es in den ausgedehnten Wäldern keine Anhaltspunkte gibt, wird die Befürchtung laut, dass sie sich verlaufen haben. Und als auch noch die Landkarte verschwindet, schwindet mit ihr die Hoffnung auf Rettung.
Der Horror.
Von Selbstzweifeln und -vorwürfen geplagt, irren die Studenten ziellos umher, und die seltener zur Schau gestellte Zuversicht weicht langsam Verzweiflung und Furcht. Doch damit nicht genug: Unheimliche Ereignisse lassen die Angst quälend langsam zur Panik wachsen: klagende Kinderstimmen, die durch das Dunkel der Nacht zu ihnen dringen, Steinhaufen rund um das Zelt, die am Vorabend noch nicht da waren. Schließlich bleibt den Unglücklichen nichts mehr als ihre Filmerei: Bis zur letzten Minute halten sie das sie umgebende namenlose Grauen in oft verwackelten und unscharfen Bildern fest – gerade so, als ob sie es damit auf Distanz halten könnten.
Die Wirklichkeit.
So hätte es sich wohl zutragen können, so ist es aber ganz und gar nicht gewesen. Hinter Haxan Films verbergen sich vielmehr zwei äußerst gewiefte und internet*begeisterte Filmemacher, Daniel Myrick und der gebürtige Kubaner Eduardo Sánchez. Ebendieses, das Internet, benutzten sie, um ihre – frei erfundene – Blair-Witch-Sage unter das leichtgläubige Volk zu bringen. Dann drehten sie das zur „Legende“ passende Movie, das allerdings mit geringsten Mitteln (Produktionskosten: nur 35.000 USDollar!) und auf originelle Weise.
Method Filmmaking.
Die Schauspieler, die sich klarerweise nach wie vor bester Gesundheit erfreuen, wur*den, um den Authentizitätsgrad der Aufnahmen zu erhöhen, tatsächlich mutter*seelen*allein in die Wälder geschickt. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt wurde mittels des Global Positioning Systems hergestellt – so konnten sie von der Filmcrew jederzeit ge*ortet werden. Um die Drehbedingungen weiter zu verschärfen und einen noch größe*ren Realismuseffekt zu erzielen, bekamen die Darsteller im Verlaufe der Dreharbeiten jeden Tag weniger zu essen.
Fazit.
Das Ziel wurde jedenfalls erreicht: fühlbarer Horror und ein Realismus, von dem alle TV-Reality-Formate nur träumen können. Außerdem zeigt uns das „Blair Witch Project“ der Cyberfreaks Myrick und Sánchez, wozu das Kino – und das Fernsehen – in Verbindung mit dem noch jungen Medium Internet fähig ist: Es kann uns ganz kräftig hinters Licht führen. (Dieter Hauptmann)
Quelle: Tele No 43/2002 S. 4-5
Ich dachte es ja erst auch. Nur: Dann hab ich mal ein bisschen im Internet gesucht und das gefunden: Es ist ein Bericht aus einer Zeitschrift.
Free-TV-Premiere eines gleichwohl sensationellen wie ungewöhnlichen Streifens: Eine Hand voll junger Filmemacher lancierte eine Legende im Internet – und drehte dann das Movie dazu. USA 1999
Blair Witch Project
Die Legende …
Das Unheil nahm seinen Anfang in einer Ortschaft namens Blair, Maryland, im Februar des Jahres 1785, als mehrere Kinder behaupteten, von einer gewissen Elly Kedward in deren Haus gelockt worden zu sein, wo ihnen die Frau Blut absaugen wollte. Kedward wurde der Hexerei für schuldig befunden und während des strengen Winters aus dem Ort verbannt. Man nimmt an, dass sie in den umliegenden Wäldern umgekommen ist. Im November des darauf folgenden Jahres verschwinden alle, die Kedward angeklagt hatten, und die Hälfte der Kinder unter mysteriösen Umständen aus dem Ort. Die rest*lichen Bewohner glauben, einen Fluch auf sich geladen zu haben, und verlassen Blair. Anfang des 19. Jahrhunderts wird das Buch „The Blair Witch Cult“ veröffentlicht und 1824 die Stadt Burkittsville auf dem Gebiet des ehemaligen Blair gegründet.
… von der Blair-Hexe.
Der unheimlichen Mordserie tut das keinen Abbruch: 1825 wird eine Zehnjährige vor elf Augenzeugen von einer bleichen Frauenhand in den Tappy Creek gezogen, die Leiche bleibt unauffindbar. Im März 1886 machen sich mehrere Männer auf die Suche nach dem abgängigen achtjährigen Robin – der taucht Tage später wieder auf, aber keiner der Retter. Deren Leichen werden am Coffin Rock gefunden, einem Ort unweit der Stadt: an Händen und Füßen zusammengebunden und völlig ausgeweidet. In den vier*ziger Jahren schließlich wurde der Einsiedler Rustin Parr hingerichtet, der sieben Kinder auf grässliche Weise umgebracht hatte. Er gab an, die Morde für den „Geist einer alten Frau“ begangen zu haben.
Die Fiktion.
Im Oktober 1994 brechen die drei Collegestudenten Heather Donahue, Joshua Leonard und Michael Williams nach Burkittsville auf, um dort für ihre Abschlussarbeit einen Doku*mentarfilm über die Hexe von Blair zu drehen. Dort angekommen, befragen die drei mehrere Ortsansässige zu den unerklärbaren Vorkommnissen in den Black Hill Forests rund um die Kleinstadt. Am Morgen des 21. Oktober machen sich die Studenten, mit zwei Handkameras und Campingausrüstung ausgestattet, auf den Weg zum Coffin Rock – und verschwinden spurlos.
Verschollen.
Die Suche nach den Jugendlichen wird nach zwei Wochen ergebnislos abgebrochen. Heathers Mutter Angie Donahue initiiert eine Privatsuche, die ein ganzes Jahr später zwar nicht die Vermissten, wohl aber ihr Filmmaterial zutage bringt: elf Rollen Schwarz*weißfilm und zehn Hi-8-Videotapes. Das Material wird gesichtet, vom Sheriff von Bur*kitts*ville jedoch für nicht beweiskräftig erklärt und in der Folge unter Verschluss gehal*ten. Erst im Oktober 1997 wird – nach einigen Prozessen, der Einschaltung der Öffent*lich*keit und großem juristischem Tauziehen – alles Filmmaterial den Familien der drei Verschollenen überlassen. Angie Donahue beauftragt daraufhin die Firma Haxan Films mit der Auswertung desselben. Niveau Spaß Spannung Action Erotik
Die Doku.
Nachdem die drei den Coffin Rock hinter sich gelassen haben, marschieren sie weiter zu einem Indianerfriedhof, kampieren dort und wollen am nächsten Tag auf einer ver*meintlichen Abkürzung zurück zum Auto. Nachdem sie die Straße jedoch nicht finden und es in den ausgedehnten Wäldern keine Anhaltspunkte gibt, wird die Befürchtung laut, dass sie sich verlaufen haben. Und als auch noch die Landkarte verschwindet, schwindet mit ihr die Hoffnung auf Rettung.
Der Horror.
Von Selbstzweifeln und -vorwürfen geplagt, irren die Studenten ziellos umher, und die seltener zur Schau gestellte Zuversicht weicht langsam Verzweiflung und Furcht. Doch damit nicht genug: Unheimliche Ereignisse lassen die Angst quälend langsam zur Panik wachsen: klagende Kinderstimmen, die durch das Dunkel der Nacht zu ihnen dringen, Steinhaufen rund um das Zelt, die am Vorabend noch nicht da waren. Schließlich bleibt den Unglücklichen nichts mehr als ihre Filmerei: Bis zur letzten Minute halten sie das sie umgebende namenlose Grauen in oft verwackelten und unscharfen Bildern fest – gerade so, als ob sie es damit auf Distanz halten könnten.
Die Wirklichkeit.
So hätte es sich wohl zutragen können, so ist es aber ganz und gar nicht gewesen. Hinter Haxan Films verbergen sich vielmehr zwei äußerst gewiefte und internet*begeisterte Filmemacher, Daniel Myrick und der gebürtige Kubaner Eduardo Sánchez. Ebendieses, das Internet, benutzten sie, um ihre – frei erfundene – Blair-Witch-Sage unter das leichtgläubige Volk zu bringen. Dann drehten sie das zur „Legende“ passende Movie, das allerdings mit geringsten Mitteln (Produktionskosten: nur 35.000 USDollar!) und auf originelle Weise.
Method Filmmaking.
Die Schauspieler, die sich klarerweise nach wie vor bester Gesundheit erfreuen, wur*den, um den Authentizitätsgrad der Aufnahmen zu erhöhen, tatsächlich mutter*seelen*allein in die Wälder geschickt. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt wurde mittels des Global Positioning Systems hergestellt – so konnten sie von der Filmcrew jederzeit ge*ortet werden. Um die Drehbedingungen weiter zu verschärfen und einen noch größe*ren Realismuseffekt zu erzielen, bekamen die Darsteller im Verlaufe der Dreharbeiten jeden Tag weniger zu essen.
Fazit.
Das Ziel wurde jedenfalls erreicht: fühlbarer Horror und ein Realismus, von dem alle TV-Reality-Formate nur träumen können. Außerdem zeigt uns das „Blair Witch Project“ der Cyberfreaks Myrick und Sánchez, wozu das Kino – und das Fernsehen – in Verbindung mit dem noch jungen Medium Internet fähig ist: Es kann uns ganz kräftig hinters Licht führen. (Dieter Hauptmann)
Quelle: Tele No 43/2002 S. 4-5