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Pingu
22.05.2003, 10:01
Hallo,
ich stell mal ein paar Gedichte von Andreas Wintels ein, ich find sie einfach schön

Der Irrtum
Noch während ich meine Gedanken,
nicht einmal ganz ausgesprochen habe, spüre ich,
wie Du Dich von meinen Worten abwendest,
um meinen Gedanken, eigene gegenüberzustellen.
Glaubst Du, ich liebe einen Menschen,
weil er mir dauernd seinen Verstand unter Beweis stellt?
Nein, mehr als Verstand suche ich Verständnis.

Pingu
22.05.2003, 10:02
Trennung
Noch einmal erhebst Du
Deine auf sanft getrimmte Stimme für mich,
aber sie kommt längst aus einem hohlen Bauch.
"Laß uns Freunde bleiben", sagst Du.
(Wie oft hast Du das schon gesagt?)
In diesem Augenblick, da höre ich auf,
Spielzeug zu sein.
Zu allem auch noch den Freibrief
Für ein ruhiges Gewissen.
Das ist zuviel verlangt, Du Marionettenmeister.
"Nein", sage ich und sehe,
wie Dein Gesicht zur Fratze wird.
Nun bin ich gewiß,
ich werde eine von denen sein,
die Du nicht so schnell vergißt.

Pingu
22.05.2003, 10:03
Es gibt Menschen, mit denen ich nichts anfangen kann,
weil sie mir deutlich zeigen, daß sie mich nicht brauchen.
Wie erschrocken war ich, als du mir neulich sagtest,
daß du nichts mit mir anfangen könntest.
Nun schreie ich: Ich brauche dich!

Pingu
22.05.2003, 10:04
Verlorene Zügellosigkeit
„Gleich einem wilden Pferd“;
sagtest du als du mich das erste Mal sahst.
Dann legtest du mir Zügel an und schließlich einen Sattel auf.
Zügel und Sattel sind geblieben, du nicht.

Pingu
22.05.2003, 10:05
Greif nicht immer wieder nach der Begegnung mit mir
Grübelnd zu der Zeichnung, die du dir gemacht hast.
Knüll sie endlich zusammen und wirf sie in den Papierkorb.
Dann entdecke an mir,
was du mit der Zeichnung im Kopf niemals entdecken wirst.

Pingu
22.05.2003, 10:06
Als du mich trafst, war ich ganz unten.
Dann hast du mein Leben gemanagt, und es ging wieder bergauf.
Mit deiner Hilfe bestand ich meine Prüfungen.
Du hast eine Wohnung für mich gefunden und sie mir eingerichtet.
In der Diskussion über meinen zukünftigen Job besaßt du die besseren Argumente
und verschafftest mir durch deine Beziehungen eine gut bezahlte Stellung.
Für jedes Problem kanntest du die Lösung.
Auf jede Frage kanntest du die Antwort.
Bei jedem Wohin wußtest du den Weg.
Eines Tages legtest du mir deine Rechnung vor.
Du verlangtest den Höchstpreis: Meine Liebe.
Ich schüttelte den Kopf.
Ich hatte schon genug bezahlt, mit meiner Freiheit!

Pingu
22.05.2003, 10:06
Der Tisch mit den falschen Speisen
„Wenn ich an den Hunger in der Welt denke, die unterernährten Menschen,
Kinder, wie gut, daß wir wieder satt geworden sind“,
sagt der Vater und klopft sich wohlig den Bauch.
Er sieht nicht, es gibt einen Hunger, der an diesen Tisch nicht gestillt wird.
Er sieht nicht in die Augen seiner Kinder, in denen er sehen könnte,
daß es nichts zu sehen gibt und gerade so sichtbar wird, woran sie leiden.
Die Diagnose lautet: Gefühlsunterernährung.

Pingu
22.05.2003, 10:09
Unaufhaltsam
Das eigene Wort, wer holt es zurück,
das lebendige, eben noch gesprochene Wort?
Wo das Wort vorbeifliegt, verdorren die Gräser,
werden die Blätter gelb, fällt Schnee.
Ein Vogel käme wieder.
Nicht ein Wort, das eben noch ungesagte,
in Deinem Mund.
Du schickst andere Worte hintendrein,
Worte mit bunten weichen Federn.
Das Wort ist schneller, das schwarze Wort.
Es kommt immer an,
es hört nicht auf anzukommen.
Besser ein Messer als ein Wort.
Ein Messer kann stumpf sein.
Ein Messer trifft oft am Herzen vorbei.
Nicht das Wort.