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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [Freunde] und nun??



JoE101
20.05.2004, 14:21
Hallo,

leider habe ich den Kontakt zu einer Freundin in den letzen Monaten sehr locker gehalten. Per Zufall habe ich nun erfahren, dass sie einen Schlaganfall, Herzinfarkt gehabt hat und erst nach einger Zeit gefunden wurde.
Nun liegt sie in der ReHa, danach kommt sie in ein Pflegeheim.
Verdammt es war vor 2 Monaten wo ich sie letzesmal gesehen habe, haben wie immer Wein gertrunken, geraucht und über das Leben und über den Tod und über wie glücklich sie sei, dass sie trotz ihrer 70+ Jahre noch vollkommen unabhängig sei. Ich habe mit ihr nen neuen PC gekauft, Digicam, Auto. Mann, sie war noch so voller Lebenslust, und nun?? Ich fürchte mich vor dem Besuch in der ReHa........... Es sei fraglich, dass sie mich erkennen würde.

Was passiert mit dem Wesen, das jeden Menschen ausmacht, wenn man ihm "quasi" das Licht ausschaltet, ist das eine, was mich beschäftigt und das zweite, das ich mich bei ihr einige Zeit nicht gemeldet hatte, da ich nen bissel was zu tun hatte und sie manchmal schon sehr anstrengend, da agil ist(war).

Oki. Tx
JoE

Ricke
20.05.2004, 19:21
geh hin und besuche sie, ich bin überzeugt, dass sie merkt, dass du da bist

passiert schlimmeres, wirst du dir noch mehr vorwürfe machen
auch wenn sie nicht reden kann oder dich vielleicht nicht erkennt, erklärs ihr, sag , dass es dir leid tut
es kommt bei ihr an und du wirst froh sein, dass du bei ihr warst

Fee
20.05.2004, 19:36
Guten Abend Joe,

kennst du das Buch "Das Lazaruskind?" Nachdem ich es gelesen habe, bin ich fest überzeugt, dass die Menschen zwar nicht mehr agieren können, aber sie sind noch "drin". Vor 2 Jahren kam eine Frau im Fernsehen, die mit 60 nach 30 Jahren!!!!! aus dem Koma erwacht ist. Sprechen konnte sie nicht (vielleicht kann sies heute wieder), aber sich mit Buchstaben ausdrücken. Sie schrieb: "Das allerschlimmste für mich war, dass irgendwann die Besuche aufhörten. Die Menschen kamen nicht mehr. Ich hörte, wie die Schwestern mich als alte Hexe bezeichneten. Und konnte nicht einmal mit einer Wimper zucken. Es war fürchterlich, so in seinem Körper gefangen zu sein - ich habe 30 Jahre jedes einzelne Wort gehört, 25 Jahre davon ohne einen einzigen Besucher." Es ist meines Wissens der einzige Mensch auf der Welt, der ein so langes Koma überlebt hat.

Deshalb glaube ich fest, dass sie weiß, dass du da bist, auch wenn sie nicht reagieren kann. Nimm Abschied von ihr Joe, es kann das letzte Mal sein, dass du sie siehst. Gehst du nicht hin, wirst du ein Leben lang ein ungutes Gefühl mit dir herumtragen.

Mit herzlichen Grüßen von Fee

Serafina82
22.05.2004, 19:53
Hallo JoE!

Ich kann Dir nur dazu sagen, wie die anderen auch, dass Schlaganfallpatienten (fast) alles mitbekommen, was um sie herum passiert.
Ich weiss das von meiner Oma, die nach einem Schlaganfall im Krankenhaus lag. Ich war jeden Tag bei ihr. An ihrem letzten Tag sogar zwei Mal und ich habe gespürt, dass sie mich wahrgenommen hat.

Es ist im Moment auch nicht wichtig, dass Du Deine Freundin ein bisschen "vernachlässigt" hast. Ich denke nicht, dass sie daran momantan einen Gedanken verschwendet. Sie wird einfach nur glücklich sein, dass Du da bist. :]

Viel Glück...

Gruss, Serafina

JoE101
24.05.2004, 13:27
Hallo,

so, der erste Besuch liegt hinter mir.
Leider ist es so ähnlich, wie ich es mir gedacht habe.
Sie hat mich nicht erkannt, manchmal mich gesiezt, dann wieder mit du angeredet.
Ein bis zweimal hat sie lichte Momente gehabt, in der sie fast so war wie früher, dann redete sie davon, dass ihr Leben zu Ende sei und sie wüsste nicht wie das alles passiert sei, dann im nächsten Augenblick sagte sie "können sie mir zeigen, wie ich die toilette benutzen kann."
Sie war Kettentaucherin und der Körper verlangt nach Nikotin, sie weiss es aber wohl nicht, aber sie sucht die ganze Zeit im Zimmer nach Aschenbechern und Kippen....

Ich versteh es nicht, es ist wirklich so, dass sie nicht mehr sie selber ist.
Wunderwerk Gehirn.......

JoE

Serafina82
24.05.2004, 20:07
Hallo!

Das war doch schonmal der erste (und wahrscheinlich schwerste) Schritt.

Ich denke, dass das alles Zeit braucht, da ein Schlaganfall ja keine Kleinigkeit ist.

Ich würde sie immer mal wieder besuchen und ihr damit zeigen, dass ich für sie da bin, auch wenn sie Dich im Moment nicht zu erkennen scheint.

Gruss,

Serafina

Manuel
25.05.2004, 11:21
Hallo Joe!

Auch wenn es sicher ein komisches Gefühl ist, ist doch der Mensch den man liebt immer noch jener, den man auch zuvor liebte. Wenn das Gehirn oder irgendwelche Gehirnwindungen alles ist was man einem Mensch zuvor liebte, bevor er z.B. einen Schlaganfall hatte, dann frage ich mich ernsthaft in welcher trostlosen Welt wir denn leben. Wenn es so wäre würde ich jedes mal lügen, wenn ich sage "ich liebe ..."

Liebe ist für mich etwas bedingungsloses - Liebe nimmt nicht und gibt nicht, denn nur so sind beide Pole zu vereinen. Alles das gibt muss auch nehmen, alles das nimmt muss auch geben. Auch wenn es bewusst auf den ersten Blick für dich nicht erkennbar sein mag - fühle die Wärme die sie dir damals entgegengebracht hat, die bringt sie dir auch heute noch entgegen, du muss "nur" aufpassen.

Ich habe schon viele Tode (wie auch andere) miterlebt und habe eines dabei gelernt - das was diese Welt so wunderbar macht sind zwei Gaben Gottes, die Geburt und der Tod!

Liebe Grüße Manuel

JoE101
25.05.2004, 12:34
Manuel,
ich kann dem nicht zustimmen.
Es geht mir nicht darum, dass ich sie nun nicht mehr als Freund sehr gut leiden kann. Ihre Persönlichkeit ist weg, sie kann ja noch lesen, schreiben, reden, bewegen, das mit der Liebe möchte ich eher auf die Verwandten "schieben". Ist es nicht so, dass viele aus pragmatischen Gründen ihre Eltern abgeben? Vielleicht zu früh? Ausserdem der Kern meiner Ausführungen soll auf eines hindeuten, wie schnell das Leben, das wir kennen, zu Ende sein kann. Und auf die Spitze getrieben, wer sagt das Gott sie nicht zu sich holen wollte und durch die ebensolchen, selbsternannten in Weiß, das hinausgezögertwurde? Ohne Intensivmedizin wäre sie nicht mehr auf diesem Planeten.

JoE

Manuel
25.05.2004, 13:11
Hi Joe!

Es ist auch nicht unsere Aufgabe jemandem zuzustimmen, sondern Perspektiven und Meinungen anderer kennenzulernen, das heißt es ist für mich völlig in Ordnung, wenn du es aus einem anderen Blickwinkel betrachtest.

Wenn es um die Medizin geht bzw. jemanden noch am Leben zu erhalten, nur damit er eben noch dahinvegetiert, möchte ich eigentlich nicht näher darauf eingehen weil ich hier besondere Ansichten habe, die für manch anderen vernünftig klingen mögen, für manch anderen aber nicht ethisch vertretbar sind. Spielt auch keine Rolle und passt hier auch nicht her.


Und auf die Spitze getrieben, wer sagt das Gott sie nicht zu sich holen wollte und durch die ebensolchen, selbsternannten in Weiß, das hinausgezögertwurde? Ohne Intensivmedizin wäre sie nicht mehr auf diesem Planeten.

Wenn es sie, Gott oder sonst jemand so gewollt hätte, dann wäre es auch so gekommen - das Leben bietet einem aber nicht immer Erlebnisse oder Erfahrungen aus denen man sinnhaftige Schlüsse ziehen kann. Wie heißt es doch so schön "die Wege des Herren sind unergründlich!" Auch wenn die Situation nicht so durchsichtig sein mag ist sie für mich bewusst von wem auch immer so gewählt worden.

Auch wenn es schwierig sein mag - es liegt in deiner Aufgabe mit dieser Situation umgehen zu lernen, was du auch bestimmt meistern wirst, sonst wärst du wohl gleich gar nicht zu ihr gefahren. Als Mensch muss man eben vieles dulden das einem nicht passt (jeder von uns) und trotzdem unsere Erfahrungen und somit unser Bewusstsein fördert.

Liebe Grüße Manuel