Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Alles zum Thema: Die Neue Rechtschreibreform
Potsdam - Die deutsche Sektion des Schriftstellerverbandes PEN hat die Rücknahme der seit 1998 geltenden Rechtschreibreform gefordert.
bsk / Quelle: sda / Samstag, 15. Mai 2004 / 16:31 h
Auch die vorgenommenen Anpassungen hätten zu keiner wirklichen Reform der Neuregelung geführt, heisst es in einem Antrag des Präsidiums. Die rund 150 Teilnehmenden verabschiedeten den Antrag zum Ende ihrer Jahrestagung in Potsdam. Scharf verurteilte die Vereinigung auch die Tendenzen einiger Verlage, Werke der deutschen Literatur zu modernisieren.
Übergangsfrist
Der Beirat zur deutschen Rechtschreibung habe sich als weitestgehend untaugliches Organ zur Vertretung der professionell Schreibenden erwiesen, kritisierte der PEN weiter. Nach der Übergangsfrist soll das Regelwerk ab 1. August 2005 allgemein verbindlich sein.
Bei einigen Verlagen erschienen Werke mit dem Hinweis dem modernen Deutsch angepasst und angemessen gekürzt, bemängelten die versammelten Autoren in Potsdam.
Angemessene Rezeption
Wir sehen darin einen nicht hinnehmbaren Umgang mit dem literarischen Erbe, der stilistische Mittel und künstlerische Eigenarten der Autoren missachtet und so eine angemessene Rezeption verhindert. Das unzureichende Lesevermögen, das auch von der PISA-Studie offen gelegt worden sei, dürfe nicht als Vorwand dazu dienen, Texte mit dem Ziel einer angeblich besseren Verständlichkeit zu manipulieren. Als Beispiel nannte der Präsident des deutschen PEN-Zentrums, Johano Strasser, den Schweizer Gottfried Keller (1819-1890). Es wäre fatal, dessen besonderen Stil wegzuglätten. Das ist eine Vergewaltigung der Sprache, sagte Strasser der Nachrichtenagentur dpa. Die Tagung stand unter dem Motto Literatur im Jahre zwei nach PISA.
Quelle: nachrichten.ch (http://www.nachrichten.ch/detail/178000.htm)
Hamburg - Prominente Schriftsteller haben in der Bild-Zeitung (Freitagausgabe) die Rechtschreibreform scharf kritisiert. Sie fordern die Politik auf, zur alten Schreibweise zurückzukehren.
fest / Quelle: sda / Freitag, 23. Juli 2004 / 07:28 h
Der Schweizer Autor Adolf Muschg sagte der Zeitung, die Rechtschreibreform solle sofort gestoppt werden. Sie ist unnötig wie ein Kropf und hat keine Verbesserung gebracht, sondern nur mehr Unsicherheit geschaffen. Auch Martin Walser würde sich freuen, wenn die Reform zurückgenommen würde. Die Idee dieser Reform sei aus bürokratischem Müssiggang geboren, sagte Walser, der die neuen Regeln wie viele andere Autoren boykottiert.
Ich schreibe weiter, wie ich will, sagte Walser. Der Schriftsteller Georg Klein bemängelte, die so genannte Rechtschreibreform sei weniger als halbherzig gewesen. Es sei keine Schande, etwas Missratenes aus der Welt zurückzurufen. Wir sollten zur alten Rechtschreibung zurückkehren, bis unsere Phantasie und unser Mumm für eine wirkliche Erneuerung ausreichen, sagte Klein.
Quelle: nachrichten.ch (http://www.nachrichten.ch/detail/184917.htm)
Ich schreibe weiter, wie ich will, sagte Walser. Der Schriftsteller Georg Klein bemängelte, die so genannte Rechtschreibreform sei weniger als halbherzig gewesen. Es sei keine Schande, etwas Missratenes aus der Welt zurückzurufen. Wir sollten zur alten Rechtschreibung zurückkehren, bis unsere Phantasie und unser Mumm für eine wirkliche Erneuerung ausreichen, sagte Klein.
Quelle: nachrichten.ch (http://www.nachrichten.ch/detail/184917.htm)[/quote]
Endlich einer der sagt, was gesagt werden musste! Die neue Rechtsschreibung ist sowas von unnötig und sinnlos. Was sie ändern könnten wäre vielleicht die Grossschreibung; die könnten sie abschaffen, obwohl sie mich eigentlich ned stört. Das hätte wenigstens keine Verwirrung gebracht.
Zustimmende Grüsse
Tender
Ich wäre zwar auch eher für die Einführung der "gemäßigten Kleinschreibung" gewesen, aber ich weiß nicht, was alle gegen die Rechtschreibreform haben!
Sie ist wie alles Menschenwerk nicht perfekt, aber sie hat doch einiges an Klärung gebracht und so schlimm, wie ihr alle tut, ist sie wahrlich nicht!
Gruß
plofre
es wohl einfach die gewohnheit unserer gesellschaft sich an was neues zu gewöhnen. ich persönlich bin ehrlich gesagt ebenfalls gegen die neue rechtschreibreform. weshalb?
die deutsche sprache hat sich im laufe der zeit extrem entwickelt und sie ist eine wirklich hochstehende sprache. sie zu lernen ist nicht einfach, dass wissen wir alle. aber ich finde die neue rechtschreibreform einfach ein rückschritt für die deutsche sprache.
was ich persönlich jedoch gut finde, ist die abschaffung des deutschen doppel-s -ß-(den gebrauchen wir in der schweiz nämlich nicht)
auch die gross und kleinschreibung soll so bleiben wie es ist. ich finde die deutsche rechtschreibung etwas sehr schönes und interessantes. und genau das macht es zu einer einzigartigkeit, denn viele sprachen kennen eigentlich nur die generelle kleinschreibung.
HI
Das Zurücknehmen ist doch gar nicht so einfach !
Ich z.B. bin mit der neuen Rechtschreibung aufgewachsen; wie soll ich da die alte Rechtschreibung wieder lernen ?
Und das als Schweizer ?
Gruss
Nicolas
Original von Nicolas
Ich z.B. bin mit der neuen Rechtschreibung aufgewachsen; wie soll ich da die alte Rechtschreibung wieder lernen ?
genau so wie alle anderen die neue lernen müssen... das ist auch gar nicht so einfach!
Die Axel Springer AG und der Spiegel-Verlag kehren in ihren Publikationen zur alten Rechtschreibung zurück. Das kündigten beide Unternehmen in einer gemeinsamen Erklärung an.
Gleichzeitig richten die Verlage einen Appell an andere Medienunternehmen sowie an die Nachrichtenagenturen, sich diesem Schritt anzuschliessen. Bisher hatte als einzige überregionale Zeitung sich die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» der neuen Rechtschreibreform verweigert.
Die neue Rechtschreibung wird nach den Beschlüssen der Kultusminister im nächsten Jahr verbindlich in Kraft treten. Die zum Spiegel-Verlag und zu Axel Springer gehörenden Titel, die nach eigenen Angaben rund 60 Prozent der Bevölkerung in Deutschland erreichen, werden ihre Schreibweise «schnellstmöglich umstellen».
Quelle: espace.ch (http://www.espace.ch/artikel_9613.html)
XJustinSaneX
06.08.2004, 15:33
SPIEGEL-Verlag und Axel Springer AG kehren zur klassischen Rechtschreibung zurück
Die Axel Springer AG und der SPIEGEL-Verlag kehren in ihren Print- und Online-Publikationen zur klassischen deutschen Rechtschreibung zurück. Gleichzeitig richten die Verlage einen Appell an andere Medienunternehmen sowie an die Nachrichtenagenturen, sich diesem Schritt anzuschließen.
Die zu beiden Verlagen gehörenden Titel, die rund 60 Prozent der Bevölkerung in Deutschland erreichen, werden ihre Schreibweise schnellstmöglich umstellen. SPIEGEL-Verlag und Axel Springer AG fordern andere Verlage auf, ebenfalls zur alten Rechtschreibung zurückzukehren und damit gemeinsam dem Beispiel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zu folgen, die als einzige die Umstellung nach kurzer Zeit wieder rückgängig gemacht hatte. Ziel dieser Maßnahme ist die Wiederherstellung einer einheitlichen deutschen Rechtschreibung.
Hintergrund der Initiative ist die mangelnde Akzeptanz und die zunehmende Verunsicherung bezüglich des vorgegebenen Regelwerks für die deutsche Schriftsprache. Nach fünf Jahren praktischer Erprobung in den Druckmedien und sechs Jahren in den Schulen hat die Reform weder für professionell Schreibende noch für Schüler Erleichterung oder Vereinfachung gebracht. Im Gegenteil: Die Verunsicherung wächst, Vermischungen von alter und neuer Rechtschreibung sind an der Tagesordnung. Wer vor der Reform sicher schreiben konnte, macht heute Fehler. Eltern benutzen eine andere Orthographie als Kinder. Lehrer sind zutiefst verunsichert.
Heutigen Schülern begegnet der ganz überwiegende Teil der deutschen Literatur und literarischen Überlieferung in der bisherigen Rechtschreibung. Da auch die Mehrheit der deutschsprachigen Schriftsteller - von Grass bis Enzensberger - es ablehnt, daß ihre Werke in neuer Schreibung erscheinen, tut sich eine verhängnisvolle, immer breitere Kluft zwischen gelerntem und gelesenem Deutsch auf. Bereits die erste Version der Reform war mit gravierenden Mängeln behaftet. Eine Vielzahl von Ergänzungen durch die Zwischenstaatliche Kommission und die Wörterbuchredaktionen hat die orthographischen Konventionen in einem Maße erschüttert, daß auf absehbare Zeit die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung verloren scheint. Zahlreiche Umfragen belegen, daß die Reform von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt wird. Der Grund hierfür liegt nicht in einer angeblichen Reformscheu, sondern in der von vielen Bürgern erkannten oder empfundenen Unausgegorenheit der Neuregelung.
Dr. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG und Stefan Aust, Chefredakteur des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, betonen: "Wir befürworten sehr dringend notwendige und sinnvolle Reformen in unserer Gesellschaft. Doch die Rechtschreibreform ist keine Reform, sondern ein Rückschritt. Die deutsche Sprache braucht keine kultusbürokratische Überregulierung. Spätestens die neuerliche Reform einer ohnehin unausgegorenen Reform führt ins völlige Chaos. Wir wollen dazu beitragen, diese Fehlentwicklung zu korrigieren. Die geschichtliche Erfahrung über Jahrhunderte zeigt, daß Sprache sich evolutionär weiterentwickelt. Die Rechtschreibung sollte diese Änderungen nachvollziehen und nicht vorschreiben."
Aust und Döpfner stellen fest: "Sechs Jahre nach Einführung der neuen Rechtschreibung müssen wir alle ein erschreckendes Fazit ziehen. In der täglichen Erprobung ist die Reform gescheitert. Die Situation verschlimmert sich, die Konfusion wird größer. Uns kann es als Verlage nicht gleichgültig sein, wenn Schreib- und Lesefähigkeit und damit die Sprachfähigkeit in diesem Land abnehmen. Aus Verantwortung für die nachfolgenden Generationen empfehlen wir auch anderen die Beendigung der staatlich verordneten Legasthenie und die Rückkehr zur klassischen deutschen Rechtschreibung." Das schließt Neuerungen nicht aus. Auf der Basis der alten Rechtschreibung kann darüber nachgedacht werden, welche Vorschläge der Reformer schrittweise übernommen werden können. Die Axel Springer AG, der SPIEGEL-Verlag und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" werden sich sinnvollen Veränderungen nicht verschließen.
Die technische Umsetzung in den Print- und Online-Publikationen der Verlage soll schnellstmöglich erfolgen.
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,311777,00.html
Geteiltes Echo bei Politik und Verlagen
Der Süddeutsche Verlag und der Zeitschriftenverlag Bauer haben die Rückkehr des SPIEGEL-Verlages und der Axel Springer AG zur klassischen Rechtschreibung begrüßt. Die Chefredakteure der Zeitschriften von Gruner+Jahr lehnen den Schritt dagegen mehrheitlich ab. Auch Politiker reagierten uneinheitlich.
Hamburg - Bei Europas größtem Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr ("Stern", "Brigitte", "Geo") haben sich Chefredakteure der einzelnen Titel mehrheitlich gegen eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung ausgesprochen. Es gebe keine konzernübergreifende Direktive, sagte ein Verlagssprecher in Hamburg. Die Chefredakteure entschieden selbstständig über die Rechtschreibung, die meisten hätten sich aber in einer konzerninternen Umfrage gegen eine Wiederumstellung von neuer auf alte Schreibweise ausgesprochen, sagte der Sprecher.
Die Münchner Zeitschrift "Focus" aus dem Burda-Verlag schließt sich ebenfalls nicht der Initiative von SPIEGEL und Springer an, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. "Focus"-Sprecher Uwe Barfknecht sagte heute: "Wir schreiben so, wie in der Schule gelehrt wird. Wir wollen den Kampf um die Rechtschreibreform nicht auf dem Rücken unserer jungen Leser austragen."
Der Süddeutsche Verlag will dagegen zur alten Rechtschreibung zurückkehren. "Wir sagen ja, aber intern wird noch über Details gesprochen", sagte ein Verlagssprecher heute. Die Redaktion der "Süddeutschen Zeitung" sei von Anfang an in die Gespräche mit der Axel Springer AG und dem SPIEGEL-Verlag eingebunden gewesen. Intern werde derzeit unter anderem diskutiert, von welchen Regelungen man wieder abrücken wolle und von welchen nicht. Offen sei auch der Zeitpunkt für eine Rückkehr zu den alten Rechtschreibregeln.
Der Hamburger Bauer-Verlag reagierte auch erfreut auf die Rückkehr der Verlage Springer und SPIEGEL zur alten Rechtschreibung. "Wir halten diese Initiative für positiv und unterstützen sie", sagte Bauer-Sprecher Andreas Fritzenkötter. Man wolle dem Beispiel aber noch nicht sofort folgen. "Voraussetzung für konkrete Schritte hin zur alten Rechtschreibung ist für uns, dass möglichst viele Verlage diesem Beispiel folgen", betonte der Sprecher.
Der Buchverlag Suhrkamp verwies darauf, im Einvernehmen mit seinen Autoren nie die so genannte Rechtschreibreform übernommen zu haben. Bis auf die Subreihe Suhrkamp Basisbibliothek, die Schullektüre ist, sei Suhrkamp prinzipiell bei der alten Rechtschreibung geblieben, hieß es heute.
"Es ist ein Zeichen für gelebte Demokratie", so Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz, "dass ein solcher Zusammenschluss als Bewegung gegen eine von der Mehrheit nicht akzeptierte Regelung zustande kommt, und es wäre ein Zeichen für lebendige Demokratie, wenn er in den Ministerien Wirkung zeigte." Der Suhrkamp Verlag, der Jüdische Verlag, der Insel Verlag und der Deutsche Klassiker Verlag würden auch in Zukunft alle Werke von Hesse bis Handke, von Celan bis Grünbein, von Adorno bis Beck und Sloterdijk in der alten Rechtschreibung drucken.
Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Doris Ahnen (SPD), hat für den Kurswechsel von SPIEGEL und Springer-Verlag "kein Verständnis". Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin sagte heute: "Wenn in der Debatte um die Rechtschreibreform laufend von Chaos und Verunsicherung die Rede ist, erlaube ich mir die Frage: Wer verunsichert hier eigentlich die Menschen?"
Die Entscheidung der beiden Verlage zeige keinen Weg auf, wie mit den widerstrebenden Interessen in der Reformdebatte umzugehen sei "und wie sich Sprache künftig weiter entwickeln soll". Sprache und Schreibweisen müssten für alle erlernbar sein, sagte Ahnen. Die Schulen entließen Jahr für Jahr über 800.000 junge Menschen in den Arbeitsmarkt. Deshalb sei ein einheitliches Regelwerk "legitimer Anspruch". Und diese Regeln seien mit der Rechtschreibreform im Sinne der Anwender vereinfacht worden.
Ganz anders dagegen die Reaktion von Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU). Er wertet die Rückkehr der Verlage zur alten Rechtschreibung als wichtigen Teilerfolg im Kampf gegen die Reform. Damit sei erneut ein Schritt auf dem Weg zur Korrektur der "total gescheiterten Rechtschreibreform" getan, sagte Wulff, der bereits seit längerem gegen das Regelwerk zu Felde zieht. Er sehe sich gestärkt in seinem Bemühen, diese misslungene Reform rückgängig zu machen.
Jetzt gehe es darum, dass alle Beteiligten und Betroffenen in sich gehen und nachdenken, sagte Wulff. Es werde immer eindeutiger, dass der Unsinn der Reform nicht mehr zu halten sei. Wulff kündigte an, in der kommenden Ministerpräsidentenkonferenz die Rücknahme der Reform durchsetzen zu wollen. Er freue sich deshalb über jeden neuen Bundesgenossen im Kampf gegen die fatalen Folgen der Rechtschreibreform.
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,311799,00.html
XJustinSaneX
06.08.2004, 16:42
Die neue Freiheit
Die Rechtschreibreform erlöst von der Regelwut und bewahrt doch die Tradition der deutschen Sprache. Sie muss bleiben
Von Jens Jessen
Der größte Gewinn der Rechtschreibreform besteht in dem, was die Reformgegner am meisten aufregt. Es ist die Liberalisierung der Schreibweisen. Die Zahl der Regeln wurde halbiert, vieles Strittige ins Belieben gestellt, die verzwickte Kommasetzung durch weitgehende Freigaben ersetzt. Die Reform verlangt nicht, wie manchmal unterstellt, den Verzicht auf Kommas, wenn darunter der Sinn leidet. Jeder darf so viele setzen, wie er für nötig hält, um verstanden zu werden. So wird auch, um einen zweiten Stein des Anstoßes zu nennen, niemand gezwungen, unschöne Trennungen vorzunehmen; wer aber griechische Fremdwörter nicht kennt, muss auch nicht angstgepeitscht im Lexikon nachschlagen, um die Trennung At-rophie zu vermeiden.
Es gibt also einen antiautoritären Zug in der Reform. Er wird noch dadurch verstärkt, dass es neben der gewollten eine ungewollte Liberalisierung gibt. Von vielen wird die neue Orthografie nicht oder nur fragmentarisch angewandt. Man nennt das Rechtschreibschwäche; sie gab es immer und überall. Nicht aber wird aus der behaupteten Unverständlichkeit der neuen Regeln ein Argument für die alten, denn diese waren viel komplizierter. Wer die neuen nicht versteht, wird auch die alten kaum begriffen haben. Sie verlangten Kenntnisse von Semantik und Grammatik bis in die Verästelungen hinein, die es erlauben, zwischen der Behandlung seines Problems im ganzen und der eines Problems im Ganzen zu unterscheiden. Wenn der Schreiber aber das Problem sowohl mit allen seinen inneren Facetten im ganzen wie mit allen äußeren Zusammenhängen im Ganzen behandeln wollte, konnte er vor dem Duden nur verzweifeln.
Sprache verfügt, um Verständlichkeit herzustellen, eben nicht nur über die Mittel der Präzision, sondern auch über die der Vagheit. Eine Rechtschreibung muss elastisch genug sein, alle Mittel zu erlauben. Diese Elastizität verlor die alte Schreibung, je mehr sie sich über die Jahrzehnte verfeinerte. Sie täuschte damit auch eine Logik vor, die in der Grammatik gar nicht enthalten ist; viele ihrer Regeln waren leere Sophistereien, mit denen ein fundamentaler Unterschied zwischen radfahren und Auto fahren konstruiert wurde.
Sprachen sind aber keine logischen Systeme; sie sind halb logisch, halb systematisch, voller Ausnahmen und Reste früherer Sprachverhältnisse. Darum ist es auch Unfug, der reformierten Schreibung Widersprüche vorzuwerfen. Sie enthält zwar Unlogisches. Aber nur weil jede Logik an der einen Stelle Unlogik an einer anderen produziert. Widerspruchsfrei wäre nur eine rein fonetische Orthografie, wie es sie im Italienischen, Russischen, Portugiesischen gibt. Eine solche würde uns allerdings zur Entscheidung zwingen, ob wir weich und Keiser oder Kaiser und waich schreiben wollen. Wir müssten uns auch von der grammatikalisch begründeten Großschreibung verabschieden, obwohl sie, wie viele Untersuchungen gezeigt haben, die Lesbarkeit entscheidend erhöht.
Erst das wäre der große Kulturbruch, den die Reformgegner schon jetzt beklagen. Tatsächlich aber ist die neue Schreibung noch immer auf dem deutschen Sonderweg unterwegs, der darin besteht, sowohl fonetische wie etymologische wie syntaktische wie semantische Aspekte zu berücksichtigen. Aber die Reform hat sich um Ordnung bemüht. Es ist vernünftig, bei der Unterscheidung von ss und ß vor allem fonetisch, also nach Länge des vorangegangenen Vokals, zu entscheiden. Es ist auch vernünftig, die Wortbildung so durchsichtig wie möglich zu machen, also etwa die Verwandtschaft von aufwändig und Aufwand nach dem Muster von anständig und Anstand zu betonen. Nicht vernünftig war es, behände zu Hand zu stellen, weil es damit nichts zu tun hat. Aber solche Scheinverwandtschaften, Volksetymologien genannt, kannte auch die alte Schreibung. Wetterleuchten hatte nichts mit Leuchten zu tun (sondern mit mittelhochdeutsch leich, Spiel).
Volksetymologien sind nicht verwerflich; sie entstehen bei dem Versuch der Sprecher, sich die eigene Sprache zu erklären. Wir haben sie aus Jahrhunderten vorwiegend mündlicher Überlieferung geerbt; sie zeigen die historische Tiefe der Sprache an. Auch die rücksichtslose Eindeutschung von Fremdwörtern ist nicht neu; der Schose (Chose) ist schon die Perücke (Perruque) vorausgegangen. Gerade die Vergangenheit aber tritt uns in der neuen Schreibung wieder näher, anders als der ungebildete Konservatismus der Reformgegner meint. Ein Beispiel ist die Zunahme von Groß- und Getrenntschreibungen; sie ist eine Rückkehr zu Gewohnheiten des 19. Jahrhunderts, wo im Zweifel groß und auseinander (zum Beispiel auch aus einander) geschrieben wurde.
Selbst manche willkürliche Neuerung schärft den Sinn dafür, dass Orthografie eine Sache der Mode ist. Es gibt keine wahre, heilige Schreibung des Deutschen. Schiller und Goethe, Kleist und Fontane schrieben nicht nach dem alten Duden. Man kann sie verstehen, obwohl sich mancher über Hülffe oder fodern (statt fordern) wundern mag. Die alte Schreibung wird zu Unrecht als klassisch empfunden; sie entstand im Kern durch die Rechtschreibkonferenz von 1901. Auch sie war das Ergebnis einer Expertenkommission und keiner demokratischen Volksbewegung.
Sprache ist etwas Gewachsenes; eine verbindliche Schreibung dagegen immer ein Hoheitsakt. Wer zu einer alten Orthografie zurückkehren will, müsste erklären, warum er ausgerechnet die Duden-Schreibung nach 1901 will und nicht etwa zu Johann Christoph Adelungs Wörterbuch von 1786 zurückmöchte. Die Reformgegner haben nur die Bequemlichkeit ihrer Generation auf ihrer Seite. Sie könnten sich aber auch an der neuen Liberalisierung erfreuen.
(c) DIE ZEIT 29.07.2004 Nr.32
Quelle: http://www.zeit.de/2004/32/01________Leiter_2_2f32
Internationale Rechtschreib-Sitzung in Wien
Jedoch keine Krisensitzung - Bildungsbehörden wollen Installierung des Rats für deutsche Rechtschreibung vorbereiten
Zürich/Wien - Noch im August wollen die Bildungsbehörden Österreichs, Deutschlands, Liechtensteins und der Schweiz in Wien zu einer Sitzung zu Rechtschreibung zusammentreffen - es handle sich jedoch nicht, wie von der Züricher Zeitung behauptet, um eine Krisensitzung, sagten die Kultusminister der deutschen Bundesländer. Das Treffen sei bereits vor Wochen geplant gewesen und solle lediglich die Installierung des Rats für deutsche Rechtschreibung vorbereiten, sagte der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz (KMK), Erich Thies, am Sonntag.
Die Gründung dieses Expertengremiums war von der KMK im Juni geplant worden. "Der Rat soll die Sprachentwicklung auf der Basis der neuen Rechtschreibung beobachten", erläuterte Thies.
ie "NZZ am Sonntag" hatte berichtete, nach der Rückkehr der Axel Springer AG ("Bild"), des Spiegel-Verlags und dem Süddeutschem Verlag zur alten Rechtschreibung werde ein Krisentreffen in Wien einberufen. Das Schweizer Äquivalent zur deutschen KMK, die Erziehungsdirektorenkonferenz, hatte in der Zeitung berichtet, die KMK sei "sichtlich nervös" und wünsche ein Treffen der Chefbeamten.
Rosenberger: Rücknahme der Reform unwahrscheinlich
Am Samstag hatte man sich im österreichischen Bildungsministerium bezüglich der Rechtschreibreform betont "gelassen" gegeben: Eine Rücknahme der Reform in Deutschland sei unwahrscheinlich, da es dafür der Einstimmigkeit in der Kultusministerkonferenz bedürfe, so Rosenberger gegenüber der APA. In den vergangenen Wochen hätten sich aber in etwa genau so viele Minister dafür wie dagegen ausgesprochen.
Weniger Fehler als früher
Keine Probleme für Österreich sah man auch im Büro von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V). In den Schulen sei die Reform gut angenommen worden, die Schüler machten weniger Fehler als früher, hieß es gegenüber der APA.
Für Schulen und Ämter in Österreich, Deutschland und in der Schweiz ist die Rechtschreibreform seit 1. August 1998 verbindlich. Als Zeitrahmen für die Umstellung wurden international sieben Jahre vereinbart - bis dahin gelten die bisherigen Schreibweisen als überholt, werden in den Schulen aber nicht als Fehler gewertet. Medien, Verlage, Autoren, Firmen und Private können dagegen freiwillig entscheiden, ob sie die neue Schreibung wählen oder bei der alten bleiben.
Kehrtwende würde zu Chaos führern
In der Schweiz lehnen Bildungspolitiker eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung klar ab. Eine Kehrtwende würde in den Schulen zu Chaos führen, sagte der Präsident der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), Ulrich Stöckling, der "Neuen Zürcher Zeitung". Sämtliche Lehrmittel seien umgestellt worden, die Lehrer in teuren Kursen geschult worden. Auswertungen hätten gezeigt, dass Schüler mit den neuen Regeln weniger Fehler machten als vorher. Wenn die deutsche Kultusministerkonferenz nicht hart bleibe, drohe ein Scherbenhaufen. (APA)
Quelle: derSTandard.at
Der Aufstand im Sommerloch
Für Psychologen ist die Rechtschreibreform eine Nebenfront in einem langen Kampf gegen Bevormundung
http://images.derstandard.at/20040811/neei.jpg
Nessie bleibt Nessie, in der alten wie in der neuen Rechtschreibung.
Dem Paradigma der Effizienz folgend, musste der Vorstoß etlicher deutscher Medien, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, ausgerechnet jetzt kommen. Zum einen endet die siebenjährige Übergangsfrist, nach der die Reform für Ämter und Schulen verbindlich wird, am 1. August 2005, also relativ bald. Und zum anderen bietet der Sommer, in dem im Vergleich zu anderen Jahreszeiten verhältnismäßig wenig tut, eine gute Möglichkeit, das Thema in der Öffentlichkeit breit zu walzen.
Wer aber glaubt, die Diskussion über die Rechtschreibreform sei, ähnlich Nessie, dem Ungeheuer im schottischen Loch Ness, nur ein Füller für das mediale Sommerloch, der irre sich gewaltig, attestiert der Wiener Psychologe Alfred Pritz, ehemaliger Präsident des Weltverbandes der Psychotherapie. Vielmehr, diagnostiziert der Analytiker, sei der Rechtschreibstreit die Nebenfront eines Krieges, den der Mensch und die Gesellschaft seit jeher mit sich selbst führten: "die Befreiung aus dem Herrschafts- und Machtbereich" von Obrigkeiten im "Spannungsfeld zwischen Ordnung und Anarchie".
In freien Gesellschaften wie in Deutschland und Österreich werde der Mensch mehr über Formales gesteuert als über Inhalte und Werte. Auf die aktuelle Diskussion bezogen: Aufgrund der Presse- und Meinungsfreiheit sei es egal, was wer schreibt, mit den Rechtschreibregeln werde jedoch festgelegt, wie. "Eine Beschränkung der Freiheit", die laut Pritz im Widerspruch zu einer liberalen Geisteshaltung steht. Nach Ansicht des Psychogen sei es auch nicht verwunderlich, dass der "Proteststurm gegen die formale Bevormundung" ausgerechnet in Deutschland losgebrochen ist, sich Österreich in dieser Diskussion vergleichsweise müde zeige: Die Bundesrepublik sei auf ihrem Weg zu einer Zivilgesellschaft, in der die einzelnen Bürger wesentlich mehr Verantwortung für sich und die Gemeinschaft tragen, weiter als Österreich. "Bei uns herrscht entweder ein starker Obrigkeitsglaube, oder den Leuten ist vieles einfach wurscht." Tatsächlich kam eine große Studie der Universität Innsbruck vor einigen Jahren zum Schluss, dass das Gros der österreichischen Bevölkerung stark autoritätshörig ist.
Die Rückkehr deutscher Verlage zur alten Rechtschreibung kann dennoch nicht als Befreiung vom Formalen, vom letzten Knebel einer offenen Gesellschaft betrachtet werden. Warum? "Weil sie sich ja der alten Rechtschreibung wieder unterwerfen wollen. Es geht um Aufstand, nicht um Freiheit." Dies sei ein menschliches Grunddilemma, aus dem schon so manche Neurosen und Psychosen entstanden sind: "Der Mensch strebt nach Anarchie, wünscht sich aber auch Ordnung und Sicherheit." Diese Ordnung ergebe sich in Bezug auf die Rechtschreibung durch "die Internalisierung der entsprechenden Regelwerke im Schulalter". Pritz ist daher überzeugt, dass es Schülern egal ist, welche Rechtschreibregeln sie erlernen, und dass nur Erwachsene gegen die Reform Protest laufen: "Die sind in einer anderen Ordnung sozialisiert worden und sind jetzt unsicher." (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2004)
"Krone": Dichand will "Schluß" der Reform
Cato-Kommentar in aktueller Ausgabe in alter Rechtschreibung - Rest der Zeitung aber weiter nach Reformregeln
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"Schluß mit neuer Rechtschreibung": Das "Krone"-Cover von Donnerstag, 12. August.
"Schluß damit" betitelt "Krone"-Herausgeber Hans Dichand alias "Cato" einen in alter Schreibweise verfassten Kommentar zur Rechtschreibreform in seinem Blatt am Donnerstag. Die "in überflüssiger bürokratischer Regelungswut" entstandene Reform sei ein "großer Fehler" gewesen: "Jetzt bleibt nicht mehr viel Zeit, ihn gutzumachen, denn im August nächsten Jahres wird der uns aufgezwungene Irrsinn verbindlich." Der Rest des Blattes folgt allerdings nach wie vor den neuen Schreibregeln - Chefredakteur Michael Kuhn hatte am Freitag gegenüber der APA betont, dass die "Krone" "zähneknirschend" bei der Reform bleiben werde.
"Auch die meisten Politiker bei uns haben mittlerweile bemerkt, wie sie einmal mehr an der Bevölkerung vorbeiregiert haben; ein guter Grund, auf sie zu hören", meint Cato. Und schließlich: "Also Schluß damit. So schnell wir können!"
Auch die Leserbriefe in der "Krone" sind am Donnerstag zu einem großen Teil der Rechtschreibreform gewidmet - wobei das Spektrum der Meinungen vom Beibehalten der Reform bis zur Rücknahme reicht. (APA)
"taz" komplett in Kleinschreibung
"Konstruktiver Beitrag" zur Debatte am Donnerstag - Konzentration auf die Inhalte soll erleichtert werden
http://images.derstandard.at/20040811/taz(2).jpg
Im Streit um die Rechtschreibreform hat die Berliner "tageszeitung" (taz) einen "konstruktiven Beitrag" angekündigt: Die Zeitung werde Donnerstag komplett in Kleinschreibung erscheinen, teilte die Redaktion am Mittwoch mit. Groß geschrieben werden nur der Satzanfang und Eigennamen. "Diese sanfte Vereinfachung ist weltweit bewährt und kann auch uns Deutschen die Konzentration auf das Wesentliche erleichtern: die Inhalte", erklärte der stellvertretende Chefredakteur Peter Unfried. Die "taz" ermuntere speziell die Verlage, die die Rückkehr zur alten Rechtschreibung angekündigt oder bereits vollzogen haben, diesem Beispiel zu folgen. (APA/dpa)
Quelle: derStandard.at
Zum Thema neue Rechtschreibung hätt ich hier noch was Persönliches anzumerken:
Zum Thema Rechtschreibung hätte ich noch zweierlei zu sagen:
Zum Einen reißen Leute zu diesem Thema das Maul auf, die von Rechtschreibung keine Ahnung haben.
Wohlgemerkt: ich meine damit keinen von euch!
Aber durchaus z.B gewisse deutsche Kulturminister oder gewisse österreichische Zeitungsmacher.
Da gibt es Aussagen wie: Ich freue mich auf die Rücknahme der Reform, denn dann kann ich "Sauerstoff-Flasche" wieder mit 2 f schreiben.
Da irrt sich der gute Mann, denn auch in der alten Rechtschreibung hieß es "Sauerstoffflasche", allerdings logikwidrigerweise "Schiffahrt", bei Trennung aber wieder "Schiff- fahrt". Das erklär mir mal einer.
Ein anderer "kluger Mann" bekrittelte das Wort "nummerieren". Das käme nicht von "Nummer", sondern vom lateinischen "numerare". Da frage ich mich mal: Woher kommt denn Nummer? Ist das was Urgermanisches, oder kommt es vielleicht doch von "numerus"?
Auf diese Weise verwirrt man höchstens Leute, die seit jeher noch mehr Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung hatten.
Das Zweite, was ich zu sagen hätte, ist folgendes:
Ich glaube, dass die ganze Diskussion weniger damit zu tun hat, ob die alte oder die neue Rechtschreibung jetzt richtiger od schöner sind, sondern damit, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist.
Da sind Menschen Jahrzehnte lang in der alten Rechtschreibung unterrichtet worden. Sie haben vielleicht sogar ein Gefühl dafür entwickelt, was richtig und was falsch ist, eine Art automatischen Mechanismus in ihrem Hirn.
Jetzt stossen diese Menschen auf Wörter wie "Delfin" oder "schnäuzen" und die Alarmanlage in ihrem Hirn springt an und schreit: "Falsch!". Dann müssen sie sich aber belehren lassen, dass das jetzt richtig ist. Das tut weh. Da gibts 3 Möglichkeiten: man lernt um und programmiert den Hirnmechanismus neu, oder man ärgert sich für den Rest seines Lebens, oder man setzt die Rücknahme der Reform durch.
Das sagt ein 55jähriger, der fast ein halbes Jahrhundert mit der alten Rechtschreibung gelebt hat und zeitweise in der Schule Jahrgangsbester in diesem Fach war. (ohne mich auf ein Podest stellen zu wollen).
Auch ich verwende jetzt die neue Rechtschreibung (noch mit Fehlern), und habe keine Magengeschwüre bekommen.
Und wenn die reform wirklich zurück genommen wird, gehe ich auf die gemäßigte kleinschreibung über.
Gruß
plofre
XJustinSaneX
13.08.2004, 18:23
Ich habe gerade einen Artikel gelesen, der sich so ziemlich 1:1 mit meiner eigenen Meinung deckt. Diesen möchte ich euch nicht vorenthalten und außerdem muss ich somit selbst keine Stellung beziehen, da das hiermit jemand für mich macht, der das besser kann :D
Komplott im Sommer
Wie man richtig schreibt: Zur Machtprobe zwischen Verlagen und der Kultusbürokratie
Von Michael Naumann
Die Rechtschreibreform der Kultusministerkonferenz (KMK) von 1996 habe zu »Verunsicherung« geführt und gleiche gar einer »staatlich verordneten Legasthenie«. So begründeten vorige Woche einige Chefredakteure, Herausgeber und Verlagsleiter ihre verabredete Rückkehr zur Orthografie wilhelminischen Ursprungs. Einen Beweis der flotten Behauptung sind sie schuldig geblieben. Die Mehrheit der Lehrer und Millionen Schüler haben die neue Rechtschreibung angenommen.
Mit der Abkehr von jener Reform, so errechneten die Konterreformer, erreichten sie 60 Prozent aller deutschen Leser. Es geht ihnen also um orthografische Deutungsmacht im Lande. Was als Sorge um Lesbarkeit und Logik der Sprache einherkommt, erweist sich als politisches Herrschaftsspiel, das keineswegs um die Beseitigung aller Zweifelsfälle kreist; denn die Rechtschreibreform ist in diesen viel toleranter als ihre Vorgängerin aus dem Jahre 1901. Das gesprochene Wort kann seine kollektive Prägung nicht verleugnen; das geschriebene Wort hingegen bedarf spätestens seit Gutenbergs Revolution eines autoritativen Regelwerks – bei Strafe der Unlesbarkeit. Fragt sich nur, wer das Recht hat, solche Beliebigkeit einzudämmen. Für einen Staat, der Schulpflicht und Grundschulausbildung beaufsichtigt, liegt es nahe, dass er diese Aufgabe übernimmt. Ihre Lösung an linguistische Fachleute demokratisch gewählter Politiker zu delegieren, statt sie publizistischen oder parteipolitischen Sprach- und Machtliebhabern zu überlassen, leuchtet ein.
Selbstverständlich ist jeder schulisch verbindlichen Rechtschreiblehre eine Idee von bürgerlichem Gehorsam eingeschrieben. Dass ausgerechnet konservative Verlage sich als Gehorsamsverweigerer profilieren, macht sie nicht zu heroischen Widerstandskämpfern. Sie nehmen sich lediglich ihr Recht heraus, zu schreiben und zu drucken, wie sie wollen. Dieses Recht kann ihnen auch das Bundesverfassungsgericht nicht nehmen. Es hat allerdings entschieden, dass die KMK-Kommission mit ihrer Beschlussfindung kein Grundrecht verletzt hat. Noch am 3. Juni haben die deutschen Kultusminister die Reform einstimmig bestätigt. Das populistische Pathos freilich, mit dem sich die CDU-Politiker Jürgen Rüttgers und Christian Wulff ein paar Wochen später für eine Rücknahme der Reform einsetzen, die von allen maßgeblichen Institutionen der Republik genehmigt worden ist, dieses Pathos offenbart komische Spätfolgen des Apo-Zeitalters.
Eine einheitliche Rechtschreibung in den Schulen ist sinnvoll. Niemand erwartet, dass sich Dichter dieser Ordnung beugen. Niemand kann darüber hinaus die private Presse oder Buchverlage zwingen, staatlichen Schreibanweisungen zu folgen. Doch der Gestus des revolutionären Aufstands gegen neue Trennungsregeln oder ähnlichen Kleinkram ist so glaubwürdig wie die zwanzigste Bild-Schlagzeile zum Liebesleid von Uschi Glas.
Die ZEIT folgt seit dem 10. Juni 1999 der neuen Rechtschreibung – wenngleich nicht ganz und gar. Unter der Federführung ihres Autors Dieter E. Zimmer hat sie einige Ausnahmeregeln entwickelt – zum Beispiel bei der Zusammenschreibung von Verbverbindungen. Diese Regeln liegen als ZEITdokument vor und können beim Verlag bestellt werden. Außerdem sind sie auf der Website der ZEIT abrufbar.
Die Redakteure der ZEIT haben lange über das Für und Wider der Reform diskutiert. Sie sind jedoch mehrheitlich der Ansicht, dass eine radikale Abkehr von dem eingeschlagenen Weg ebenso inkonsequent wie starrsinnig wäre. Sie wird darum ihre Variante der Rechtschreibung beibehalten, bis im Jahr 2005 die von der KMK eingeräumte Übergangszeit verstrichen ist. Bis dahin dürften verbliebene Schwächen der Rechtschreibreform korrigiert worden sein. Dann wird sich die ZEIT der endgültigen Fassung anschließen.
Verwegen ist jedenfalls die Behauptung des Spiegels, jene Reform sei »auf ganzer Linie gescheitert«. Recht hat er allerdings mit der Behauptung, die Sprache »gehöre nicht der Kultusbürokratie«. Das hatte diese freilich nie behauptet; denn zwischen jeder Sprache und ihrer Rechtschreibung liegen geradezu metaphysische Abgründe. In diesen Abgründen sind schon manche Journalisten verschwunden. Irgendwann werden sie wieder auftauchen und feststellen, dass in Deutschland alles anders geworden ist und sich niemand mehr dafür interessiert, ob ein paar Zeitungen das Wort »Anarchie« so trennen: »An-archie« oder »A-narchie« oder »Anar-chie«.
(c) ZEIT, 10.08.2004
Quelle: http://www.zeit.de/2004/33/rechtschreibung
Ich kommentiere das mal nicht. Lest euch das einfach durch:
Wer zahlt 80 Euro für den Frisör?
Die neue Rechtschreibung wird mit ernsten Vorwürfen konfrontiert - Karl Blüml, Vorsitzender der Reformkommission, im STANDARD-Interview
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Karl Blüml ist Landesschulinspektor des Stadtschulrats Wien. Er war führend an der Entwicklung der reformierten Rechtschreibung beteiligt und ist derzeit Vorsitzender der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung. Außerdem ist er einer der Mitarbeiter des Österreichischen Wörterbuchs.
Die Fragen stellte Cornelia Niedermeier.
STANDARD: Ein Teil des Unwillens gegen die Rechtschreibreform richtet sich gegen deren staatliche Verordnung - ein Vorgang, der von vielen als autoritär und damit als für Deutschland und Österreich typisch empfunden wird. In England und Frankreich gäbe es die staatliche Kontrolle nicht.
Blüml: Das ist ein Teil der Fehlberichterstattung. In Frankreich regeln das Erziehungsministerium und die Akademie die Rechtschreibung - also rein staatlich. Auch in Dänemark, in den Niederlanden, in Norwegen und Russland wird die Rechtschreibung staatlich geregelt. In Großbritannien nicht. Dort ist es das Oxford-Dictionary, das die Veränderung der Sprache registriert. In Spanien delegiert der Staat die Regelungskompetenz an eine Akademie.
STANDARD: Wofür braucht man Rechtschreibnormen?
Blüml: In Wahrheit braucht man sie nur für die Lernenden. Wie will man die Sprache sonst vermitteln? Das ist der einzige Grund, warum man aus dem, was man vorfand, Regeln abgeleitet hat. Man hat aus dem Gebrauch abstrahiert. Das ist zur Norm geworden.
STANDARD: Und die Aufgabe der Festlegung der Norm hat der Staat übernommen?
Regelungen gab es schon vor der Vereinheitlichung. Die Kanzlei jedes Fürstentums gab eine verbindliche Regelung heraus. Auch einzelne Elitegymnasien entwarfen eigene Regelwerke. Von 1901 an gab es, im Zuge der Reichsgründung durch Bismarck, eine Vereinheitlichung der Schriftsprache, die staatlich vorgegeben wurde, weil es keine andere Instanz gab, die sich dessen annahm. Das war, wenn man so will, der Sündenfall. Der eigentliche Sündenfall aber geschah 1915.
STANDARD: Wieso 1915?
Blüml: Nach der ersten Rechtschreibkonferenz 1901 registrierten die Wörterbücher, vor allem der Duden, die Entwicklung der Sprache. Damals gab es zwei Duden: einen schmalen Volksduden und einen sehr umfangreichen Buchdruckerduden für Korrektoren und Buchdrucker. 1915 wurden beide Werke zusammengelegt. Das Fatale daran war, dass alles, was vorher nur Spezialisten zugemutet wurde, nun auch für Kinder galt. Daraus ist das Kreuz mit der Rechtschreibung in der Schule in Wahrheit entstanden.
STANDARD: Sie haben sich mehrfach gegen die "Kriminalisierung" der Rechtschreibung ausgesprochen.
Blüml: In Wahrheit ist es doch vollkommen wurscht, ob ich "nass gespritzt" in einem oder in zwei Wörtern schreibe. Die Hauptproblematik ist die, dass die Rechtschreibung bei uns einen Stellenwert erhalten hat, der ihr nicht angemessen ist. Zum einen, weil sie einfach zu kontrollieren ist.
Die Prüfung der Rechtschreibung verlangt keine Eigenverantwortung des Prüfers.
Blüml: Ja. Er muss kein Experte sein. Das ist auch in Betrieben billiger. Bis vor kurzem etwa wurden bei den Wiener Verkehrsbetrieben Tramway-Fahrer einem Rechtschreibtest unterzogen. Mir wäre es sympathischer gewesen, man hätte einen psychologischen Eignungstest gemacht.
Und für Lehrer haben Rechtschreibfehler den Vorteil, dass sie mit niemandem darüber diskutieren müssen. Anders als bei Beurteilung nach stilistischen Kriterien. Aber es ist doch absurd, Intelligenz nach der Rechtschreibung zu beurteilen. Jemand, der keine Rechtschreibfehler macht, aber einen Unfug zusammenschreibt, soll zwangsläufig als intelligent gelten? Der zweite Hauptgrund für die Überbewertung der Rechtschreibung im Deutschen ist aber auch dieser hoch geschätzte Ordentlichkeitsbegriff.
STANDARD: Apropos: Robert Menasse warf der Reform Rassismus vor. Weil Fremdwörter ohne Rücksicht auf ihre Herkunft eingedeutscht würden, deutsche Wörter dagegen verstärkt auf ihre etymologische Herkunft zurückgeführt, sie also einen "Ahnenpass" ausgestellt erhielten.
Blüml: Das ist reiner Humbug. Im Deutschen hat man versucht, das Prinzip der Wortfamilie zu stärken, weil es eines der wesentlichen Hilfsmittel zur Orientierung für Lernende ist, für Kinder wie für Ausländer, die Deutsch lernen, um herauszufinden, wie man etwas schreibt. Wenn man dieses Stammprinzip stärken kann, ist es schlicht hilfreich.
STANDARD: Und die Eindeutschung der Fremdwörter?
Blüml: Erstens hat diese Reform kein einziges Fremdwort eingedeutscht. Sondern nur dort, wo im täglichen Gebrauch Tendenzen zur Eindeutschung erkennbar waren, wie etwa bei "Foto", diese Form auch als richtig anerkannt. Selbst für Schüler ist diese Schreibweise aber nicht verpflichtend. Die Frage der Fremdwortintegration ist insgesamt aber ein wahnsinnig interessanter Bereich.
STANDARD: Inwiefern?
Etwa in soziologischer Hinsicht. Beispielsweise bei "Foto" oder "Photo": Das Argument der griechischen Wurzel ist natürlich nur eine Teil-Wahrheit. Die ganze Ph-, Th-, Rh-Schreibung ist in Wahrheit eine Geschichtslüge. Denn die Griechen hatten andere Zeichen dafür. Ein Zeichen jeweils. Erst die Römer haben sie mit Doppelbuchstaben gekennzeichnet. Was die Italiener, die doch eine gewisse Nähe zum Lateinischen hätten, vollkommen aufgegeben haben. Dort schreibt man ungeniert "Filarmonica". In Italien und in den slawischen Sprachen wird überhaupt radikal angeglichen, ohne Rücksicht auf die etymologische Herkunft.
Im Deutschen gibt es die Gläubigkeit an das so genannte Original. Da kommt natürlich hinzu, dass im 18. und 19. Jahrhundert Griechenland das Land der Sehnsucht war. Denken Sie an Hölderlin, an Novalis, an Humboldt. Das hat sich in der Schreibung der Bildungswörter ausgedrückt. Und in der Schaffung neuer Bildungswörter für die technischen Erfindungen. Das war eine Prestigefrage. Der Fernschreiber wurde zum Telegraphen aufgewertet. Und die Fernschreiberverwaltung damit zur Telegraphenverwaltung. Fremdwortintegration ist eine Frage des Gebrauchs und der Soziologie, des Werts. Hochwertige Wörter, wie etwa Metapher, werden nicht eingedeutscht. Niedrigwertige Wörter eher. Da fühlt sich niemand in seinem Bildungsanspruch gekränkt. Es gibt auf diesem Gebiet historisch sehr aufschlussreiche Irrationalitäten. Auch in der gegenläufigen Entwicklung: In den Sechzigerjahren etwa wurde der Friseur zum Frisör. Jetzt ist er der Coiffeur, der Hair-Stylist. Das ist eine rein soziologische Angelegenheit. Ich gehe doch nicht für 80 Euro zu einem Frisör mit "ö".
Oder "Mayonnaise". Die steht seit 1948 mit "j" im Duden. Heute kann man sie, was uns vorgeworfen wurde, auch "Majonäse" buchstabieren. Aber wenn ich sie im Geschäft verkaufen will, muss ich sie mit "y" und "aise" schreiben. Weil es einen unvergleichlich größeren exotischen Reiz hat. (DER STANDARD; Printausgabe, 26.8.2004)
Quelle: derStandard.at
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