Thekla
24.09.2004, 10:34
Krankhaft krank
Jörg Blech über dubiose Methoden der Pharmafirmen
http://www.3sat.de/imperia/md/images02/kulturzeit/ksep/kix/77.jpg Der Gesellschaft ging es nie besser als heute, und dennoch klagen immer mehr Menschen über immer neue Krankheiten: Menopause, Reizdarmsyndrom, Sissi-Syndrom, soziale Phobie und vieles mehr. Alle diese Krankheiten sind erfunden, sagt Jörg Blech in seinem neuen Buch "Die Krankheitserfinder". Natürliche Wechselfälle des Lebens würden systematisch in Krankheiten umgedeutet.
Sissi, die kranke Kaiserin, sie musste ihren Namen geben für eine angeblich neue Form der Depression: das Sissi-Syndrom. Die Kaiserin von Österreich habe ihre krankhafte Melancholie überspielt mit Aktivitäten, heißt es: reiten, turnen und reisen. Ein Krankheitsbild, unter dem auch heute viele Frauen leiden sollen. Ihre Depressionen lägen versteckt hinter ständiger Unruhe, hieß es in Medienberichten. Das Pharma-Unternehmen SmithKline Beecham versprach 1998 Hilfe: Patientinnen mit Sissi-Syndrom könnten wieder lachen. Heute wäre auch Sissi glücklicher - mit dem passenden Anti-Depressivum aus dem eigenen Hause. Die Sache hat nur einen Haken. Das Medikament mit dem romantischen Schriftzug gibt es zwar, die Krankheit dagegen existiert überhaupt nicht.
Eine Krankheit, die keine ist
http://www.3sat.de/imperia/md/images02/kulturzeit/ksep/kix/81_135x127.jpg
Markus Burgmer, Psyichater am Uniklinikum Münster
Das haben Psychiater aus Münster festgestellt. "Nach unserer Einschätzung ist es keine anerkannte Krankheit, deswegen haben wir auch die Untersuchung gemacht", sagt Markus Burgmer, Psyichater und Psychotherapeut am Uniklinikum Münster. "Erstens ist es überhaupt nicht international etabliert - das Sissi-Syndrom taucht nur im deutschsprachigen Raum auf. Und nach unseren Untersuchungsergebnissen ist dieses Syndrom überhaupt nicht wissenschaftlich begründet.“ Eine Krankheit, die keine ist - aber Medien und Ärzte fielen darauf herein. Drei Millionen Frauen in Deutschland würden daran leiden, so die Pharmafirma. Damit hätte sich die Zahl der Depressiven verdoppelt. Markus Burgmer geht davon aus, dass der Pharmahersteller den Begriff für die angebliche Krankheit selbst erfunden hat.
Dazu hat der Konzern offenbar eine PR-Firma beauftragt, die neue Krankheit zu verbreiten. Die PR-Experten von Wedopress rühmten sich noch vor kurzer Zeit im Internet mit dem Erfolg und ihrer gelungenen Strategie. Ein Trommelfeuer für das Sissi-Syndrom wollten sie auslösen. Es ist eben hart, auf dem gesättigten Markt von Anti-Depressiva auf das eigene Produkt aufmerksam zu machen. Dazu braucht es neue Krankheitsbilder - und damit neue Patienten.
Der immerkranke Mensch
http://www.3sat.de/imperia/md/images02/kulturzeit/ksep/kix/80_135x127.jpg
Buchautor Jörg Blech
Doch das Sissi-Syndrom ist nur ein Beispiel von vielen, die der Spiegel-Journalist Jörg Blech in seinem Buch zusammengetragen hat. Seine These: Es gibt in allen Bereichen der Medizin regelrechte Krankheitserfinder. "Das sind oft Ärztelobbys, Pharmafirmen und teilweise auch Patientenverbände", sagt der Wissenschaftsautor. "Und diese Organisationen stricken an einem neuen Ideal", dem Menschen, der gar nicht mehr gesund sein könne, sondern immer etwas habe.
Blech kritisiert, dass immer mehr alltägliche Probleme zu Krankheiten umdefiniert werden. Die Trauer, wenn jemand einen nahen Angehörigen verloren hat, kann zum Beispiel eine so genannte Anpassungsstörung sein, Lampenfieber eine soziale Phobie. Für vieles gibt es die passende Therapie und das geeignete Medikament. Aus ganzen Lebensabschnitten werden Krankheiten. Frauen in der Menopause sind solch ein Beispiel aus dem Buch. Die meisten Frauen schlucken in den Wechseljahren teure Hormonpräparate und die Krankenkasse bezahlt.
Umstrittene Therapien
"Kategorisch sagen ja einige Frauenärzte, eine Frau die sich in der Menopause befindet, ist krank." Blech hält dies für einen Widerspruch in sich. "Denn es ist ein normaler Vorgang, dass die Östrogenproduktion im Laufe der Jahre abnimmt. Jetzt muss man sich mal angucken, woher kommt die Idee, dass man diesen Lebensabschnitt mit Hormonpräparaten behandelt."
Die Idee kommt unter anderem von einem amerikanischen Arzt. Robert Wilson schrieb in den 60ern einen Bestseller, in dem er Hormone als Wunderdroge für die Frau preist. Doch sein Sohn gab jetzt zu, dass der Pharmakonzern Wyeth seinen Vater bezahlte und sogar die Statistiken habe verändern lassen. Die Firma Wyeth produzierte, wen wunderts, Hormonpräparate für die Frau in den Wechseljahren. Doch mittlerweile sind Hormontherapien umstritten, sie können das Brustkrebsrisiko erhöhen.
Menschen werden krank geredet
http://www.3sat.de/imperia/md/images02/kulturzeit/ksep/kix/82_135x127.jpg
Martina Dören vom Zentrum für Frauengesundheit
Frauen werden nicht nur beraten, sondern manchmal auch krank gemacht, krank geredet", sagt Martina Dören vom Zentrum für Frauengesundheit. "Symptome, die normal sind, seien es Veränderungen von Befindlichkeiten in der Pubertät, seien es Veränderungen beim Fühlen, Empfinden und bei Beschwerden in den Wechseljahren, sie werden als Krankheit deklariert und dann einer pharmakologischen Therapie zugeführt."
Auch die Männer in den Wechseljahren hat die Pharma-Industrie entdeckt. Der Testosteron-Grenzwert für Ältere lässt viele Männer unter die Norm fallen. Grenzwerte, die nicht den Durchschnitt widerspiegeln. Dies sei keine Seltenheit, kritisiert Blech. "Ein beliebtes Mittel, Menschen eine Diagnose anzuhängen sind eben auch die Risikofaktoren", so der Wissenschaftsautor. "Die sind heutzutage so definiert, dass man im Grunde jedem etwas anhängen kann. Ein Beispiel: Der Cholesterin-Grenzwert ist so definiert worden, dass die Mehrheit der erwachsenen Menschen diesen Grenzwert nicht mehr erfüllt."
Umstrittene Grenzwerte
http://www.3sat.de/imperia/md/images02/kulturzeit/ksep/kix/83_135x127.jpg
Achim Weizel, Vorsitzender der Lipid-Liga
Die Lobbyverbände weisen Blechs Kritik zurück. Ein hoher Cholesterinspiegel steigere nun mal das Risiko eines Herzinfarktes. Die kritisierten Grenzwerte seien nur ein Hilfsmittel, um Risikopatienten zu entdecken. Blechs Buch verharmlose außerdem die große Gefahr. Die unglückliche Konsequenz sei, dass Patienten, die das lesen, denken könnten, Cholesterin sei harmlos, kritisiert Achim Weizel, Vorsitzender der Lipid-Liga. "Das sind Patienten, die Medikamente nehmen oder eine Diät machen müssten, um die Gefahr zu vermindern. Die lassen das dann weg, das sehen wir immer wieder", sagt Weizel.
Viele andere aber, entgegnet Blech in seinem Buch, fühlen sich erst durch Grenzwerte aller Art beunruhigt. Viele glaubten dann, sie seien nicht mehr so ganz gesund und verlangen sogar selbst Medikamente. "Ich glaube nicht, dass es ein gesellschaftliches Problem ist, wenn man sich Sorgen um seine Gesundheit macht", sagt Blech. "Das ist natürlich Unsinn und kausal gar nicht zu begründen, das ist eben dieser Trugschluss."
Gesundheit ist eines unserer höchsten Güter. Die Medizin soll uns dabei helfen, es zu bewahren. Aber reden uns Ärztelobbys, Pharmakonzerne und Patientenverbände stattdessen Krankheiten ein? Lassen wir uns zu Patienten machen, fragen wir den ehemaligen Präsidenten der Berliner Ärztekammer Ellis Huber.
Die Krankheitserfinder.
Wie wir zu Patienten gemacht werden
* von Jörg Blech
Fischer, 2003
ISBN: 310004410X
€ 17,90
quelle: www.3sat.de (http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/50294/)
Jörg Blech über dubiose Methoden der Pharmafirmen
http://www.3sat.de/imperia/md/images02/kulturzeit/ksep/kix/77.jpg Der Gesellschaft ging es nie besser als heute, und dennoch klagen immer mehr Menschen über immer neue Krankheiten: Menopause, Reizdarmsyndrom, Sissi-Syndrom, soziale Phobie und vieles mehr. Alle diese Krankheiten sind erfunden, sagt Jörg Blech in seinem neuen Buch "Die Krankheitserfinder". Natürliche Wechselfälle des Lebens würden systematisch in Krankheiten umgedeutet.
Sissi, die kranke Kaiserin, sie musste ihren Namen geben für eine angeblich neue Form der Depression: das Sissi-Syndrom. Die Kaiserin von Österreich habe ihre krankhafte Melancholie überspielt mit Aktivitäten, heißt es: reiten, turnen und reisen. Ein Krankheitsbild, unter dem auch heute viele Frauen leiden sollen. Ihre Depressionen lägen versteckt hinter ständiger Unruhe, hieß es in Medienberichten. Das Pharma-Unternehmen SmithKline Beecham versprach 1998 Hilfe: Patientinnen mit Sissi-Syndrom könnten wieder lachen. Heute wäre auch Sissi glücklicher - mit dem passenden Anti-Depressivum aus dem eigenen Hause. Die Sache hat nur einen Haken. Das Medikament mit dem romantischen Schriftzug gibt es zwar, die Krankheit dagegen existiert überhaupt nicht.
Eine Krankheit, die keine ist
http://www.3sat.de/imperia/md/images02/kulturzeit/ksep/kix/81_135x127.jpg
Markus Burgmer, Psyichater am Uniklinikum Münster
Das haben Psychiater aus Münster festgestellt. "Nach unserer Einschätzung ist es keine anerkannte Krankheit, deswegen haben wir auch die Untersuchung gemacht", sagt Markus Burgmer, Psyichater und Psychotherapeut am Uniklinikum Münster. "Erstens ist es überhaupt nicht international etabliert - das Sissi-Syndrom taucht nur im deutschsprachigen Raum auf. Und nach unseren Untersuchungsergebnissen ist dieses Syndrom überhaupt nicht wissenschaftlich begründet.“ Eine Krankheit, die keine ist - aber Medien und Ärzte fielen darauf herein. Drei Millionen Frauen in Deutschland würden daran leiden, so die Pharmafirma. Damit hätte sich die Zahl der Depressiven verdoppelt. Markus Burgmer geht davon aus, dass der Pharmahersteller den Begriff für die angebliche Krankheit selbst erfunden hat.
Dazu hat der Konzern offenbar eine PR-Firma beauftragt, die neue Krankheit zu verbreiten. Die PR-Experten von Wedopress rühmten sich noch vor kurzer Zeit im Internet mit dem Erfolg und ihrer gelungenen Strategie. Ein Trommelfeuer für das Sissi-Syndrom wollten sie auslösen. Es ist eben hart, auf dem gesättigten Markt von Anti-Depressiva auf das eigene Produkt aufmerksam zu machen. Dazu braucht es neue Krankheitsbilder - und damit neue Patienten.
Der immerkranke Mensch
http://www.3sat.de/imperia/md/images02/kulturzeit/ksep/kix/80_135x127.jpg
Buchautor Jörg Blech
Doch das Sissi-Syndrom ist nur ein Beispiel von vielen, die der Spiegel-Journalist Jörg Blech in seinem Buch zusammengetragen hat. Seine These: Es gibt in allen Bereichen der Medizin regelrechte Krankheitserfinder. "Das sind oft Ärztelobbys, Pharmafirmen und teilweise auch Patientenverbände", sagt der Wissenschaftsautor. "Und diese Organisationen stricken an einem neuen Ideal", dem Menschen, der gar nicht mehr gesund sein könne, sondern immer etwas habe.
Blech kritisiert, dass immer mehr alltägliche Probleme zu Krankheiten umdefiniert werden. Die Trauer, wenn jemand einen nahen Angehörigen verloren hat, kann zum Beispiel eine so genannte Anpassungsstörung sein, Lampenfieber eine soziale Phobie. Für vieles gibt es die passende Therapie und das geeignete Medikament. Aus ganzen Lebensabschnitten werden Krankheiten. Frauen in der Menopause sind solch ein Beispiel aus dem Buch. Die meisten Frauen schlucken in den Wechseljahren teure Hormonpräparate und die Krankenkasse bezahlt.
Umstrittene Therapien
"Kategorisch sagen ja einige Frauenärzte, eine Frau die sich in der Menopause befindet, ist krank." Blech hält dies für einen Widerspruch in sich. "Denn es ist ein normaler Vorgang, dass die Östrogenproduktion im Laufe der Jahre abnimmt. Jetzt muss man sich mal angucken, woher kommt die Idee, dass man diesen Lebensabschnitt mit Hormonpräparaten behandelt."
Die Idee kommt unter anderem von einem amerikanischen Arzt. Robert Wilson schrieb in den 60ern einen Bestseller, in dem er Hormone als Wunderdroge für die Frau preist. Doch sein Sohn gab jetzt zu, dass der Pharmakonzern Wyeth seinen Vater bezahlte und sogar die Statistiken habe verändern lassen. Die Firma Wyeth produzierte, wen wunderts, Hormonpräparate für die Frau in den Wechseljahren. Doch mittlerweile sind Hormontherapien umstritten, sie können das Brustkrebsrisiko erhöhen.
Menschen werden krank geredet
http://www.3sat.de/imperia/md/images02/kulturzeit/ksep/kix/82_135x127.jpg
Martina Dören vom Zentrum für Frauengesundheit
Frauen werden nicht nur beraten, sondern manchmal auch krank gemacht, krank geredet", sagt Martina Dören vom Zentrum für Frauengesundheit. "Symptome, die normal sind, seien es Veränderungen von Befindlichkeiten in der Pubertät, seien es Veränderungen beim Fühlen, Empfinden und bei Beschwerden in den Wechseljahren, sie werden als Krankheit deklariert und dann einer pharmakologischen Therapie zugeführt."
Auch die Männer in den Wechseljahren hat die Pharma-Industrie entdeckt. Der Testosteron-Grenzwert für Ältere lässt viele Männer unter die Norm fallen. Grenzwerte, die nicht den Durchschnitt widerspiegeln. Dies sei keine Seltenheit, kritisiert Blech. "Ein beliebtes Mittel, Menschen eine Diagnose anzuhängen sind eben auch die Risikofaktoren", so der Wissenschaftsautor. "Die sind heutzutage so definiert, dass man im Grunde jedem etwas anhängen kann. Ein Beispiel: Der Cholesterin-Grenzwert ist so definiert worden, dass die Mehrheit der erwachsenen Menschen diesen Grenzwert nicht mehr erfüllt."
Umstrittene Grenzwerte
http://www.3sat.de/imperia/md/images02/kulturzeit/ksep/kix/83_135x127.jpg
Achim Weizel, Vorsitzender der Lipid-Liga
Die Lobbyverbände weisen Blechs Kritik zurück. Ein hoher Cholesterinspiegel steigere nun mal das Risiko eines Herzinfarktes. Die kritisierten Grenzwerte seien nur ein Hilfsmittel, um Risikopatienten zu entdecken. Blechs Buch verharmlose außerdem die große Gefahr. Die unglückliche Konsequenz sei, dass Patienten, die das lesen, denken könnten, Cholesterin sei harmlos, kritisiert Achim Weizel, Vorsitzender der Lipid-Liga. "Das sind Patienten, die Medikamente nehmen oder eine Diät machen müssten, um die Gefahr zu vermindern. Die lassen das dann weg, das sehen wir immer wieder", sagt Weizel.
Viele andere aber, entgegnet Blech in seinem Buch, fühlen sich erst durch Grenzwerte aller Art beunruhigt. Viele glaubten dann, sie seien nicht mehr so ganz gesund und verlangen sogar selbst Medikamente. "Ich glaube nicht, dass es ein gesellschaftliches Problem ist, wenn man sich Sorgen um seine Gesundheit macht", sagt Blech. "Das ist natürlich Unsinn und kausal gar nicht zu begründen, das ist eben dieser Trugschluss."
Gesundheit ist eines unserer höchsten Güter. Die Medizin soll uns dabei helfen, es zu bewahren. Aber reden uns Ärztelobbys, Pharmakonzerne und Patientenverbände stattdessen Krankheiten ein? Lassen wir uns zu Patienten machen, fragen wir den ehemaligen Präsidenten der Berliner Ärztekammer Ellis Huber.
Die Krankheitserfinder.
Wie wir zu Patienten gemacht werden
* von Jörg Blech
Fischer, 2003
ISBN: 310004410X
€ 17,90
quelle: www.3sat.de (http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/50294/)