Rubikon
10.09.2003, 05:00
Wie soll ich mich nennen?
Einmal ward ich ein Baum und gebunden
dann entschlüpfte ich als Vogel und war frei,
in einem Graben gefesselt gefunden,
entliess mich berstend ein schmutziges Ei.
Wie halt ich mich? Ich habe vergessen,
woher ich komme und wohin ich geh,
ich bin von vielen Leibern besessen,
ein harter Dorn, ein flüchtendes Reh.
Freund bin ich heute den Ahornzweigen,
morgen vergehe ich mich an dem Stamm ...
Wann begann die Schuld ihren Reigen,
mit dem ich von Samen zu Samen schwamm?
Aber in mir singt noch ein Beginnen
- oder ein Enden - und wehrt meiner Flucht,
ich will dem Pfeil dieser Schuld entrinnen,
der mich in Sandkorn und Wildente sucht.
Vielleicht kann ich mich einmal erkennen,
eine Taube einen rollenden Stein ...
Ein Wort nur fehlt! Wie soll ich mich nennen,
ohne in anderer Sprache zu sein.
Ingeborg Bachmann
Gedichte 1948-1955)
Einmal ward ich ein Baum und gebunden
dann entschlüpfte ich als Vogel und war frei,
in einem Graben gefesselt gefunden,
entliess mich berstend ein schmutziges Ei.
Wie halt ich mich? Ich habe vergessen,
woher ich komme und wohin ich geh,
ich bin von vielen Leibern besessen,
ein harter Dorn, ein flüchtendes Reh.
Freund bin ich heute den Ahornzweigen,
morgen vergehe ich mich an dem Stamm ...
Wann begann die Schuld ihren Reigen,
mit dem ich von Samen zu Samen schwamm?
Aber in mir singt noch ein Beginnen
- oder ein Enden - und wehrt meiner Flucht,
ich will dem Pfeil dieser Schuld entrinnen,
der mich in Sandkorn und Wildente sucht.
Vielleicht kann ich mich einmal erkennen,
eine Taube einen rollenden Stein ...
Ein Wort nur fehlt! Wie soll ich mich nennen,
ohne in anderer Sprache zu sein.
Ingeborg Bachmann
Gedichte 1948-1955)