Lebenshilfe / Zu Tode betrübt / Wie Angehörige die Gefahr erkennen

sageslaut2002
Zu Tode betrübt

Es braucht viel Mut für diese Frage: Hast Du vor, Dich umzubringen?

Es ist die Frage, die sich Psychologen u. einstmals selber Suizid - Gefährdete wünschen von Menschen, die um einen Freund, Partner, den Vater, die Tochter bangen.

Es ist die Frage, die fast nie gestellt wird.

Viele Menschen meinen, dadurch den Gedanken an Selbsttötung noch zu verstärken.
Aber noch mehr fürchten sie sich vor der Antwort: Was ist wenn sie *ja* lautet?

Menschen, die von eigener Hand sterben wollen, tragen diesen Gedanken fast immer allein mit sich aus.
Spricht jemand den mutmaßlichen Lebensmüden darauf an, bricht die Isolation.
Es beginnt der Dialog, der an der Gewissheit des Entschlusses rüttelt. Das kann entlasten, auch ohne das gleich eine Lösung da ist.

Die Sprachlosigkeit gegenüber den Suizidgedanken des anderen erklärt sich auch dadurch, dass dem Thema immer noch ein Tabu anhaftet - vor allem wenn es um Ältere geht.

Die Selbsttötung eines jungen Menschen berührt. Die eines 70 - jährigen findet in der Öffentlichkeit wenig Resonanz u. ruft bisweilen sogar Verständnis hervor.

Dabei sieht das typische Suizidopfer im Speigel der Statistik etwas so aus: Es ist alt - u. meist männlich. Ein 80 - jähriger hat rechnerisch ein sechsfach größeres, eine gleichaltrige Frau ein doppelt so hohes Risiko, sich das Leben zu nehmen, wie der Durchschnittsdeutsche.

Warum gerade ältere Männer so häufig den letzten Ausweg wählen, erklärt sich die Psychologie mit einem veralteten Rollenbild.
Sie sind mit der Vorstellung groß geworden, jede Situation souverän beherrschen zu müssen. Die Einschränkungen, die das Alter mit sich bringt, verkraften sie daher weniger als Frauen - zumal diese in schwierigen Lagen sehr viel eher Hilfe suchen.

Kritische Momente für Suizidgefährdete sind dann auch die großen Einschnitte im Leben der Generation 50 plus. Auszug der Kinder, Eintritt ins Rentenalter, Umzug ins Heim, Verlust des Partners.

Bruchstellen in der Biografie also - doch die Ursache eines Suizids liegt meistens tiefer. Man muss wegkommen von dem Gedanken, dass das Alter schrecklich ist u. sich deshalb jemand umbringt. In 90 % der Fälle geht es um eine psychische Erkrankung - am häufigsten mit einer Depression.

Suizidgedanken gehören zu dem Seelenleiden wie Fieber zur Grippe!

Wer sich das Leben nimmt, tut dies selten als Kurzschlussreaktion. In der Regel hat der Suizid eine Geschichte. Am Anfang stehen Äußerungen wie: Es ist alles sinnlos oder Ich möchte nur noch tot sein - Sätze, die für Außenstehende noch ein offenkundiges Alarmsignal sind / sein sollten.

Setzt sich der Gedanke fest, kommen die Hinweise versteckter. Der Betroffene beginnt, seine Angelegenheiten zu regeln oder sich von lieb gewonnenen Gegenständen zu trennen. Schließlich, wenn der Entschluss feststeht, stellt sich oft sogar Gelassenheit ein.

Aus der Sicht der Familie u. Freunden scheint die Gefahr gebannt. In Wirklichkeit ist sie jetzt am größten!

Der lange Verlauf bietet die Chance, einzugreifen.
Dass sie oft ungenutzt verstreicht, liegt nicht nur an der Scheu von Angehörigen, das Thema anzusprechen. Ältere finden auch von sich aus kaum den Weg in Beratungsstellen u. psychotherapeutische Praxen.

Gefragt sind daher Brückenbauer, die den Einstieg in die professionelle Hilfe erleichtern: Hausärzte, denn typischerweise gehen Suizidopfer in ihrem letzten Tagen zum Arzt - um dort über körperliche Beschwerden zu klagen.

Altenpfleger: Weil sie für Heimbewohner oft die wichtigsten Vertrauenspersonen sind.

Apotheker: Sie sollten hellhörig werden wenn ein Kunde wiederholt nach Schlafmitteln fragt.

Suizidgefährdete äußern keinen Todeswunsch, sondern den Wunsch, anders zu leben!

Quelle: Apotheke / Rat und Hilfe

sageslaut2002!
trauri
Zitat:
Der lange Verlauf bietet die Chance, einzugreifen.
Dass sie oft ungenutzt verstreicht, liegt nicht nur an der Scheu von Angehörigen, das Thema anzusprechen. Ältere finden auch von sich aus kaum den Weg in Beratungsstellen u. psychotherapeutische Praxen.

Ich kenne einen Fall durch ein anders Forum, indem jemand selbst um Hilfe suchte. Viele waren bemüht und konnten ihn auch auf andere Gedanken bringen, er bekam viel Hilfe von seiner Familie und begab sich auch in professionelle Hilfe, bis es zu dem Zeitpunkt kam, an dem es ihm nach außen hin besser ging. Im Forum schrieb er nicht mehr und seine Familie selbst dachte, er hätte es geschafft und dann nahm er sich das Leben... wir erfuhren nur davon, weil ein Familienmitglied uns informierte.
In einem anderen Fall kam es genauso überraschend, was mich ehrlich gesagt auch ziemlich traf, denn sie hatte ebenfalls einen thread eröffnet und viele Ratschläge und viel Unterstützung bekommen, es ging ihr auch wieder besser, zumindest ließ sie nach außen hin wieder Hoffnung sichtbar werden. Sie schrieb danach nur noch ein einziges mal, ein Gedicht, nach außen hin, als wenn jemand dadurch etwas verarbeitet, im Nachhinein betrachtet ein stiller Hilferuf.
Es stimmt, dass oftmals solche stille Hilferufe nicht wahrgenommen werden, manchmal auch nicht wahrgenommen werden wollen. Man sollte immer ein offenes Ohr haben und auch wenn es demjenigen besser geht, ruhig vorbeischauen. Insbesondere das, was du mit den "Brückenbauern" zitiert hast, finde ich sehr gut und sehr wichtig, allerdings gibt es sehr wenige Fälle, in denen selbst professionelle Hilfe nicht hilft, dies darf nicht als Versagen von Freunde und Familie gewertet werden. Ich weiß, dass Gegenteiliges keinesfalls durch den Artikel zum Ausdruck gebracht werden sollte, nur ist es mir wichtig gerade dies zu betonen.

Zitat:
Suizidgefährdete äußern keinen Todeswunsch, sondern den Wunsch, anders zu leben!

Oder etwas Geschehenes zu ändern, dass nicht änderbar ist und gerade indem sie sich immer weiter auf diesen Wunsch verstärken, erscheint alles um so aussichtsloser...
Meine Erfahrungen beschränken sich ausschließlich auf die Internetwelt, allerdings empfinde ich es als viel wichtiger auf die eigentlichen Ursachen einzugehen, das, was denjenigen wirklich betrübt. Nur weil derjenige darüber reden kann oder es in den "als doch nicht so schlimm" Blickwinkel verschoben wurde, heißt es nicht, dass derjenige darüber hinweg ist, gerade das "Abwerten" der Probleme ist gefährlich.
Es soll natürlich auch nicht zur Paranoia werden, indem man denjenigen immer Selbstmordgedanken unterstellt. Letztendlich bleibt es ein schwieriges Thema.
Lazarus
Ein schöner Thread sageslaut2002,

[...]edit[...]

Lazarus
sunshinefee
Leider ist es oft so das solche Menschen nicht Ernstgenommen werden sich oft hinter Masken der Fröhlichkeit verstecken ..Hilfe rufe von dem jenigen werden dadurch oft nicht gesehen von Familie Kolegen Freunde etc

Gedanken die sie äusern werden dadurch auch selten wahrgenommen.....
Wobei es auch sehr schwierig ist es zu sehen bzw damit umzugehen als Angehöriger...

Angehörige Freunde wissen auch oft nicht wie sie helfen können wenn sie es Ernst nehmen ! Oft wird es von Ärzten als Phase abgetan!!

Alte Leute wird es oft als normal gesehen wenn sie Sterben wollen und oft ein Psychopharmaka verordnet aber die wahren Gründe oft nicht erfragt!
Maggi
Hallo euch allen!

In einer Selbsthilfegruppe, in die ich gehe, hat sich kürzlich eine Person umgebracht. Sie hatte sich von ihrem Mann getrennt und vor allem große Angst vor den finanziellen Folgen. Sie hatte wohl noch ein paar andere private Probleme. Offenbar ist ihr ganzes Lebenskonzept zusammengebrochen und das hat sie nicht verkraftet. Jedenfalls haben wir erst letzte Woche erfahren, dass sie sich umgebracht hat.
Gab es Anzeichen? Wohl schon. Sie wirkte nach außen hin extrem resolut, bei genauerem Hinhören konnte man aber schon ahnen, dass sie nicht halb so stark war wie es nach außen hin wirkte.
Die bittere Ironie: sie ging ja bereits in mehrere Selbsthilfegruppen, die genau auf ihre Themen zugeschnitten waren. Hätte sie dort nur ein einziges Mal offen mitgeteilt wie schlecht es ihr tatsächlich geht hätte sie sofort Hilfe erhalten. Sie hatte sogar die Notfalladresse einer psychosomatischen Klinik, auch diese Klinik hätte sie jederzeit als Notfall aufgenommen, wenn sie sich offenbart hätte. Genau das hat sie aber nicht getan.
An dem Abend an dem sie sich selbst getötet hat war sie noch beim Gruppenabend und wurde von verschiedenen Mitgliedern der Gruppe nach ihrem Befinden gefragt und ob sie zurechtkäme. Sie meinte sie komme klar!
Offenbar ist es so, dass ab einem bestimmten Punkt der Point of no Return erreicht ist. Hilfe und Unterstützung können dann wohl gar nicht mehr angenommen werden.
Wir fragen uns natürlich, ob wir hätten handeln sollen. Wir haben aber ihre Not nicht in ihrer vollen Tragweite erkannt. Außerdem dachten wir, dass sie ja in ein Netzwerk eingebunden sei. Und auch ihre finanziellen Sorgen waren gemessen an dem was sonst nach Trennungen so üblich ist, eher harmlos. Sie hätte lediglich ihre Wohnung verkaufen müssen, es wäre wahrscheinlich noch recht viel Geld für einen ganz anständigen Lebensstil übriggeblieben. Wir haben die Lage völlig falsch eingeschätzt. Situationen mit denen manche ganz gut zurechtkommen bedeuten für andere das Todesurteil weil sie es innerlich nicht mehr verkraften.

Maggi